Ich bin ein großer Fan von Thrillern, Hard Boiled-Krimis und Mysteries. Um ehrlich zu sein, mag ich Horror-Literatur und -Filme nur in Ausnahmefällen, was auf den ersten Blick für einen leidenschaftlichen Cthulhu-Spieler vielleicht etwas ungewöhnlich ist. Aber ich würde mich eher nicht als Fan des Genres bezeichnen, auch wenn ich Lovecraft natürlich sehr schätze.
Am liebsten sind mir Thriller, die das Horror-Genre nur am Rande streifen. Splatter-Orgien mit zahlreichen übernatürlichen und okkultistischen Elementen, wie zum Beispiel im Film “Constantine” oder in den Romanen von Clive Barker und vielen Stephen King-Büchern sind nicht mein Geschmack.
Ich gehe deswegen in meinen Cthulhu-Abenteuern gerne minimalistisch mit dem Mythos um. Ich halte Übernatürliches lieber klein und konzentriere mich auf weltliche Gegner und Ereignisse. In diesem Sinne habe ich ursprünglich für ein Abenteuer, an dem ich gerade arbeite, einen Info-Kasten geschrieben, in dem ich ein wenig über die Gemeinsamkeiten von Cthulhu und dem Crime Noir-Genre ins Schwafeln geriet. Dabei bin ich ein wenig über das Ziel hinaus geschossen. Beim Schulaufsatz würde es wohl heißen: Thema verfehlt. Abgesehen davon hat sich das Abenteuer inzwischen auch in eine andere Richtung entwickelt, sodass der Text nicht mehr dazu passt.
Trotzdem wollte ich ihn nicht im Papierkorb enden lassen, weswegen ich ihn jetzt einfach mal hier poste. Vielleicht inspiriert er ja andere Cthulhu -Spielleiter auch dazu, ihre Abenteuer um Elemente des Crime Noir zu bereichern:
Crime Noir bezeichnet ein Genre des Kriminalromans, das Anfang des 20. Jahrhunderts in den USA von dem Autoren Caroll John Daly begründet und von Autoren wie Dashiell Hammett und vor allem Raymond Chandler geprägt und populär gemacht. Zu seinen Lebzeiten war Raymond Chandler einer der populärsten und finanziell erfolgreichsten Autoren, so eine Art Stephen King der 1940er Jahre.
Im Gegensatz zu den für den Kriminalroman bis dato prägenden “Who Dunnits”, in denen das Verfolgen von Spuren und das stellen des Täters im Vordergrund stehen, sind diese Elemente im Crime Noir eher zweitrangig. Crime Noir betrachtet durch die Augen seines Helden, des hartgesottenen Detektives (Hardboiled Detective), vielmehr den Zustand der Gesellschaft und kommentiert indirekt den Verfall von Werten. Das Verbrechen ist hier nur der erzählerische Aufhänger, um den Detektiv durch die verschiedenen Milieus der gesellschaftlichen Hinterhöfe zu führen.
Heutzutage ist Crime aus der Popkultur nicht wegzudenken. Zuletzt Frank Millers “Sin City” zeigt, wie zeitgemäß Crime Noir ist, und Autoren wie John Connolly, der gerade Cthulhu -Spielern dank seiner Anleihen ans Horror-Genre einen Blick wert sein sollte, verkaufen noch heute mit ihren hartgesottenen Detektiven erfolgreich Romane. (Eine ausführliche und kommentierte Liste mit Lesetipps steht am Ende des Artikels.)
Die Themen, Motive und Strukturen des Crime Noir mit Cthulhu zu verbinden, ist aus mehreren Gründen nahe liegend, denn Lovecrafts kosmischer Horror und Crime Noir haben Einiges gemeinsam. Beide Genres wurden in den 1920ern zunächst in amerikanischen Groschenheften veröffentlicht, haben aber die Zeit überdauert und selbst in der Hochkultur Spuren hinterlassen, weil sie ein bis heute wichtiges Thema in die Unterhaltungsliteratur übertrugen: die Erschütterung des Einzelnen angesichts der Erosion von bislang sicheren Erkenntnissen, von Glauben, Ethik und Moral.
Bei Lovecraft führt die schockierende Enthüllung, dass der Kosmos unverständlich und für den menschlichen Geist unvorstellbar ist, meistens zum Wahnsinn seiner Helden. Der Held des Crime Noir-Krimis verliert ähnlich seinen Glauben an Gut und Böse (bzw. hat ihn meistens schon vor dem Beginn der Romanhandlung verloren).
Wie sich die Helden in Lovecrafts Geschichten detektivisch durch zahlreiche Dokumente arbeiten, so verhören die Ermittler des Crime Noir-Krimis Zeugen. Dabei verschlägt es sie in zwielichtige Milieus, die in ihrer Funktion den abgelegenen mythischen Orten aus Lovecrafts Geschichten ähneln, und deren Betreten sie Kopf und Kragen kosten kann, so wie das Studium finsterer Schriften die geistige Stabilität des Gelehrten bei Lovecraft strapaziert.
Kosmischer Horror und Crime Noir haben außerdem die Fassade gemeinsam, die von den Helden durchbrochen wird: In Lovecrafts Geschichten stellen unfassbare Ereignisse unsere Realität in Frage. Lovecraft zeigt uns, dass wir in unserer Wahrnehmung zu begrenzt sind, um das eigentliche Wesen des Kosmos zu erfassen. Die Crime Noir-Autoren zeigen uns in ähnlicher Weise, dass wir zu naiv in unserem Glauben an das Gute im Menschen sind, um das wahre Ausmaß an Gier und Skrupellosigkeit unserer Mitmenschen zu erkennen.
Die Protagonisten im Crime Noir-Krimi verlieren den Glauben an das Gute im Menschen, weil sie zu oft Tätern, Zeugen und Auftraggebern die Maske vom Gesicht reißen müssen und alle Leichen, die sie in ihren Kellern verstaut haben, ans Tageslicht zerren.
So ähnlich, wie es am Ende von den meisten Geschichten Lovecrafts kein Happy End gibt, die Gegner zu mächtig sind und das Grauen zu groß ist, als dass der Held der Geschichte es ertragen könnte, enden viele Crime Noir-Geschichten. Oft wird zwar ein Teil des Verbrechens beleuchtet, ein Bösewicht vielleicht sogar gestellt, aber Vieles bleibt ungelöst und ungeahndet.
Dem Leser wird vorgeführt, dass in der modernen Gesellschaft Gerechtigkeit nur für den Augenblick, nur für einen kleinen Teil der Menschen und nur jenseits aller Konventionen hergestellt werden kann. Mit anderen Worten: Beide Genres haben ihre Wurzeln in den Erkenntnisprozessen des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts, die dazu führten, dass die Werte des Bürgertums erschüttert wurden.
Hier eine Leseliste meiner Lieblingsbücher des Genres:
Das dunkle Vermächtnis, John Connolly
Eine interessante Mischung aus Crime Noir-Krimi und Geistergeschichte. Für Cthulhu-Fans einer der interessantesten Romane des Genres. Wer etwas mehr Zeit investieren will, sollte aber zuvor “Das schwarze Herz” von Connolly lesen, weil dann die Charaktere des Romans plastischer werden.
Der Malteser Falke, Dashiell Hammett
Muss nicht kommentiert werden, der Roman ist ja fast Kulturgut. Auch die Verfilmung mit Humphrey Bogart ist nicht schlecht, auch wenn Bogart so gar nicht aussieht wie Hammetts Held Sam Spade. Im Zweifelsfall ist es aber auf jeden Fall besser das Buch zu lesen.
Die Bernhard Gunther-Trilogie, Philip Kerr
Drei wirklich göttliche Crime Noir-Romane, die vor, während und kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland spielen. Inzwischen gibt es die Romane in einem Band, der sich auf jeden Fall lohnt, alleine schon wegen der hervorragend recherchierten historischen Details.
Die Dame im See, Raymond Chandler
Mein persönlicher Favorit von Chandler. Aber eigentlich ist es egal, welchen Chandler man liest, sie sind alle von gleicher Qualität. Im Gegensatz zu den anderen Crime Noir-Romanen brilliert Chandler vor allem durch seinen literarischen Stil, der das ganze Genre nachhaltig beeinflusst hat. Von Connolly bis Smith orientieren sich alle Autoren an Chandler.
Geklont, Michael Marshall Smith
Hier wird Noir groß geschrieben. Smith hat mit “Geklont” einen sehr, sehr düsteren Science Fiction-Roman geschrieben, der zeigt, dass Crime Noir vor jedem Hintergrund funktioniert. In diesem Sinne für Cthulhu-Spielleiter sehr interessant.
Ich, der Richter, Mickey Spillane
Wenn Chandler den Stil des Genres entwickelt hat, dann hat Spillane ihn gründlich aufpoliert. Im Gegensatz zu Chandler ist Spillane klar, geradlinig und sehr, sehr direkt. In den 1940ern lösten seine Bücher Skandale aus, weil Sex, Verbrechen und Gewalt direkt zur Sprache kommen, wo sie bei Chandler noch vornehm angedeutet werden.
