Im 19. Jahrhundert galt Indien als der Schatz des Britsh Empire, dessen Besitz Königin Viktoria die Kaiserinnenwürde ermöglichte. Das sogenannte “British Raj” – nach dem Hindu-Wort für Herrschaft – stellte für die Briten des Gaslichts einen wichtigen Teil ihrer Weltmacht und auch den Fokus ihres Kolonialdenkens dar.
“The Jewel in the Crown”
1858 übernahm die britische Regierung die Kontrolle über die gewaltigen Besitztümer der privaten East India Company auf dem exotischen Subkontinent und machte Indien zu einer Kronkolonie. Grund dafür war der Große Aufstand des vorigen Jahres unter den indischen Streitkräften der Company. Unter zentraler Kontrolle der Krone wurde Indien in den folgenden Jahren einer wesentlich direkten und tiefgreifenderen, aber auch bedachteren Herrschaft unterzogen. Die Expansion des Herrschaftsbereichs wurde eingestellt – hatte man doch bereits die Ländereien des heutigen Indien, Pakistan, Bangladesch und Burma unter Kontrolle gebracht – und den Einheimischen wurde Nichteinmischung des neuen Staates in Religionsangelegenheiten zugesichert. Der Anteil britischer Soldaten in den Streitkräften der Kolonie wurde auf ein Drittel erhöht, um eine erneute Meuterei zu erschweren. Vor allem aber sollte Indien wirtschaftlich für das Empire erschlossen und nach europäischen Maßstäben zivilisiert werden.
Die Ziele dieses “Material and Moral Progress” tragen aber deutlich den Stempel des imperialen Patriotismus der britischen Kolonisatoren. Nach antikem Stereotyp werden die “Orientalen” als geistig und körperlich träge, unmoralisch und abergläubisch angesehen und in der Regel wie Kinder behandelt: Sie müssen geführt werden um zu lernen und bestraft wenn sie uneinsichtig sind. Nur Europäer – und das bedeutet Briten – sind in der Lage, so das gern bemühte Bild, diese wichtige aber undankbare Aufgabe zu übernehmen. Die Inder durch Rationalität und Arbeit nach europäischen Vorstellungen umzuerziehen ist daher ein Leitmotiv im britischen Umgang mit ihnen. Technischer Fortschritt soll die europäische Überlegenheit demonstrieren, moderne Bildung den Aberglauben besiegen. Eisenbahn- und Telegraphennetz, Vermessungen und Zählungen, Krankenhäuser und Schulen sollen die Grundsteine hierfür sein. Beamte der Krone ziehen durch die unwirtlichen Lande um Recht zu sprechen und Ordnung zu schaffen.
“The White Man’s Burden”
Dabei dominiert bei den meisten Briten jedoch imperialistische Überheblichkeit statt selbstloser Humanität. Man verabscheut die unerträglich schwüle Hitze, das Ungeziefer, die Krankheiten und die “barbarischen” Bräuche der Einheimischen, deren Kontakt die Europäer immer mehr meiden. Die Zentren der britischen Verwaltung wie Kalkutta, Madras oder Bombay sind streng zwischen “White Town” und “Black Town” getrennt; die Briten – zum Großteil junge Männer die es der Karriere wegen nach Indien verschlagen hat – residieren von dutzenden Dienern bewirtet auf den sauberen Verandas ihrer Bungalows und treffen sich mit Landsleuten zu britischen Vergnügungen wie Teegesellschaften, Kartenspielen oder Jagdausflügen, während in den verseuchten, labyrinthartigen Slums die Inder in den Fabriken für einen Hungerlohn schuften. Die Europäer legten in ihrem Drang nach Reglementierung sogar erst das heutige starre Kasten- und Religionssystem fest, welche zuvor vergleichsweise flexibel war.
Aber die Annahme, der britische Löwe hätte den indischen Tiger völlig unterworfen, wäre jedoch verfehlt. Die nur 1000 höhren Beamte sind unmöglich zu einer durchdringenden Präsenz auf dem riesigen Subkontinent in der Lage. Große, für die Kolonialherren unrentable Gebiete Indiens werden noch immer von den alten Maharadschas regiert, welche allerdings einem britischen “Berater” hörig sind. Zu politischer Marionettierung verurteilt ergehen sich diese Herrscher in einer dekadenten Prachtentfaltung, welche in den Augen der Europäer das Bild eines märchenhaften Indiens wach hält. Die Briten übernehmen sogar diese Form der Herrschaftslegitimierung im neuen Fantasiestil des “Ornamentalismus”. Dennoch, eine Herrschaft über 300 Millionen Inder kann nur durch die Beteiligung der alten einheimischen Oberschichten an der Administration überhaupt funktionieren. Eine Theorie besagt sogar, dass Indien nur beherrscht werden kann, weil es diesen Indern gelegen kommt.
Szenarioideen
Formell also mag der indische Subkontinent unter britischer Kontrolle stehen, in Wahrheit jedoch erstreckt sich jenseits der Mauern der Residenzstädte ein exotischer, gefährlicher und ungezähmter Ort. Die meisten Charaktere werden wohl im Dienste der britischen Krone unterwegs sein, doch auch einheimische Beamte, von denen die meisten als Eisenbahnarbeiter oder Soldaten angestellt sind wären möglich. Indien wirkt wie ein Land aus einem orientalischen Märchen – uralt, rätselhaft und bedrohlich.
- Die meisten Hindus haben das Verbot der Witwenverbrennung als willkommene Modernisierung begrüßt. Jedoch hat ein widerspenstiger Maharadscha verkünden lassen, in seinem Land müsse er “zum Wohle aller” an diesem Brauch festhalten. Eine kleine aber gut bewaffnete Delegation soll aufbrechen um den Herrscher umzustimmen. Notfalls mit Gewalt.
- Die Stimmung in Bombay ist angespannt: Ein junger Brahmane, welcher sogar in England studiert hat, vertreibt eine auflagenstarke Zeitung in der Stadt, in der er einem Kreis hohen biritschen Beamten Unaussprechliches vorwirft – sie tun im Gegenzug das selbe. Dieser Kampf des Geistes wird sich in den Gassen der Metropole entscheiden. Aber wer ist im Recht?
- Bereits zum dritten Mal ist der Brückenbau über einer abgelegenen aber wichtigen Schlucht zum Erliegen gekommen. Rätselhafte Unfälle häufen sich und behindern den Fortschritt. Steckt der blutrünstige Thuggee-Kult dahinter? Oder erzürnt das überhebliche Vorhaben der Europäer tatsächlich die mysteriöse Flussgöttin, wie die Einheimischen behaupten?
(Literatur: David Gilmoure: The Ruling Caste. -und- Sekhar Bandyopadhyay: From Plassey to Partition. -und- Michael Mann: Geschichte Indiens. – Alle verwendeten Bilder stammen von commons.wikimedia.org)



