Die viktorianische Ära war die auch Pionierszeit der Fotografie. Dieses neue Bildmedium begann in das Leben der breiten Bevölkerung zu treten. Dabei entwickelte sich eine Kunstform, die sich im Grenzbereich zwischen Technik und Spiritualität bewegte: Die Leichenfotografie.
Im Kreise der Familie
Diese Tätigkeit ist in der viktorianischen Zeit eine Haupteinnahmequelle für viele Fotografen, die von Porträts allein ihren Lebensunterhalt nicht bestreiten können. Und tatsächlich besteht ein reger Bedarf an dieser Dienstleistung. Viele Familien im 19. Jahrhundert bestellen eine professionelle Leichenfotografie, um das verstorbene Familienmitglied besser in Erinnerung halten zu können. Die Bilder wurden auch an die entfernt lebenden Verwandten geschickt. Es ist daher nicht ungewöhnlich, auf Kaminsimen oder in Alben auch von den dahingeschiedenen Lieben der Gastgeber begrüßt zu werden. Gerade von früh verstorbenen Kindern, zu dieser Zeit noch eine nur zu häufige Tragödie, sind diese Fotografien oft die einzigen die existieren. Zumeist wird der Tote im Bett oder in einem Sessel wie ruhend hergerichtet um eine möglichst lebensnahe Erscheinung abzugeben. Auch Wangenröte und geöffnete Augen werden zu diesem Zweck oft nachträglich auf die Bilder gemalt.
Fotografieren ist in der Gaslicht-Ära noch ein Sache für Spezialisten. In zahlreichen Zeitungsannoncen werben die Fotografen dafür, innerhalb einer Stunde vor Ort sein zu können, um noch in der knappen Zeit zwischen Todesfall und Beisetzung die gewünschten Bilder machen zu können. Allerdings sind nicht alle Fotografen von dieser Erwerbsquelle begeistert. Manch einer fühlt sich unwohl bei dem Herrichten und Fotografieren von Leichen oder geben zu bedenken, dass ein Bild von noch lebendigen Verwandten wohl ein angenehmeres Erinnerungsstück wäre. Andere hingegen schätzen die Toten als Kunden besonders. Ihre naturgemäße Regungslosigkeit ist für die damaligen Kameras mit einer Belichtungszeit von mehreren Minuten durchaus von Vorteil. Die Lebenden hingegen müssen sich in die berüchtigten Halterungsgeräte der Fotostudius einspannen lassen, die jedem Folterkeller Ehre machen würden, aber nötig sind um klare Aufnahmen zu bekommen.
Der zweite Blick
Doch um Tote zu fotografieren müssen diese nicht zwingend stofflich anwesend sein. Die Kamera ist nahezu von Beginn an auch ein Medium der Spiritualität, die in der viktorianischen Epoche Hochkonjunktur hat. So genannte Geisterfotografien, entstanden durch Über- und Doppelbelichtung, wobei der Schemen einer ersten Aufnahme auf der zweiten zum Vorschein kommt, werden als Zeichen einer übersinnlichen Welt angenommen. Der Mensch des 19. Jahrhundert hat zum einen wenig Kentniss über den technischen Prozess der Fotografie, aber vor allem eine große Hoffnung auf die Beweisbarkeit von Seele, Ewigkeit und der Überwindung des Todes durch die Technik. Erst die Fotografie kann menschliche Gesichtszüge lebensecht festhalten und so diese Hoffnungen beantworten. Geliebte Tote können auf diese Weise wiedererweckt werden. Die Kamera umgibt in der Ära des Gaslichts ein übersinnlicher Nimbus und der Fotograf wird zum Geisterbeschwörer.
Erst mit den für jedermann zugänglichen Schnappschuss-Kameras löst sich diese Aura auf. Doch bis ins 21. Jahrhundert hat sich die Vorstellung einer Verbindung von Bildern und wahrer Person erhalten, demonstriert durch die Symbolkraft, die wir ihnen beimessen. Nicht umsonst gilt in vielen Kulturen die Fotografie aufgrund ihres geradezu unheimlichen Realismus’, vom Menschen instinktiv als real wahrgenommen, als Möglichkeit, eine Seele zu besitzen. In diesem Glauben steckt der Mythos um die Fotografie, der bereits im Gaslicht-Zeitalter wirkte. Aber auch wenn die Abbilder der Verstorbenen mit denen der Hinterbliebenen wieder durch die Technik vereint zu werden scheinen, die Hoffnung auf das ewige Leben durch die Kamera ist ein grausames Trugbild. Denn in dem Moment, in dem die Wirklichkeit auf die Fotografie übertragen wird, erwacht nicht das Tote zu neuem Leben. Im Gegenteil erstarren die Lebenden zu leblosen Ebenbildern der Leichen neben ihnen.
Szenarioideen
Um das heute kaum noch beachtete Phänomen der Leichenfotografie für Szenarien nutzbar zu machen, muss man sich auf die grundlegenden Mythen und Ängste einlassen, welche die Verbreitung des gesamten Mediums und den Umgang mit dem Tod begleitet haben. Dabei sind technische Details weniger wichtig als die spirituellen Vorstellungen der viktorianischen Zeit. Diese mögen nicht unbedingt klassisch-cthuloid sein, sind jedoch essentiell für die einzigartige Gaslicht-Stimmung.
- Ein junger Stammhalter aus gutem Hause macht in einem alten Familienalbum eine erschreckende Entdeckung: Scheinbar wahllos sind auf einigen Fotos von aufgebahrten Vorfahren die Toten mit widerwärtigen klauenbewehrten Monstern mit hundeartigen Schnauzen vertauscht worden! Aber warum ist das bisher niemandem aufgefallen?
- Der Fortschritt ist nicht aufzuhalten. Doch diese neue Kamera, die auf der Weltausstellung vorgestellt wird, ist definitiv ungewöhnlich. Ihr Konstrukteur scheint die Physik ad absurdum zu führen. Keine Linsen, keine Spiegel, dafür allerdings seltsame, urzeitlich anmutende Bauteile. Und er verspricht, schon bald bahnbrechende Bilder zu liefern.
- Eine erneute Verbrechenswelle erschüttert die Stadt. Zeugen identifizieren mehrere Täter: Doch die sind eigentlich bereits seit mehreren Tagen tot! Die einzige Verbindung: Der gemeinsame Leichenfotograf. Dieser hatte die in Auftrag gegebenen Bilder nie geliefert und ist äußert geheimnistuerisch um seine Dunkelkammer. Aber was will man ihm nachweisen?
(Literatur: Christiane Arndt: Der reproduzierte Tod. Leichenfotografie im 19. Jahrhundert, In: Fotogeschichte. Bd. 97. – und – Ina König: Die ‘objektiven’ Toten. Leichenfotografie als Spiegel des Umgangs mit den Toten. – Alle verwendeten Bilder stammen von commons.wikimedia.org)



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