In dieser Rubrik unseres Blogs – und nicht nur dort – wird ein ganzes Setting und seine Stimmung durch die Art und Weise seiner Beleuchtung definiert. Grund genug, das namensgebende Gaslicht selbst einmal für das Cthulhu-Rollenspiel unter die Lupe zu nehmen.
Das Licht des Fortschritts
Die Zeit des Gaslichts ist unumstritten das 19. Jahrhundert. Hatten zuvor Öllaternen und Kerzen mehr schlecht als recht für sporadische Lichtinseln auf der Straße oder in Gebäuden gesorgt, macht die Erfindung der wesentlich helleren und stetigen Gasbeleuchtung zu Beginn des Jahrhunderts erstmals eine flächendeckende Ausleuchtung auch weiter Räume möglich. Dem heutigen, von den gegen Ende des Jahrhunderts aufkommenden elektrischen Glübirnen halb erblindeten Betrachter, käme das Gaslicht wohl dennoch trübe und leuchtarm vor, aber die Zeitgenossen waren hingerissen von dem reinen, körperlosen Licht der sonnengleichen Flamme. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts prägt kunstvoll installiertes Gaslicht das Londoner Stadtbild, gleichsam wie ein Symbol für den Fortschritt und die wortwörtliche Erleuchtung der größten Metropole der Welt. Paris und andere Städte folgen dieser Entwicklung nach und nach.
Der Grundstoff für diese neue Art der Beleuchtung wird zentral in den Gasanstalten aus Kohle gewonnen, in gewaltige Behältnisse, die sogenannten Gasometer eingespeist, und von dort in die Leitungen gedrückt. Diese laufen, ebenso wie die Wasserrohre, unsichtbar unter den Straßen entlang, verästeln sich dann in die einzelnen Straßenlaternen und Häuser und dort weiter bis zu jeder Lampe. Gaslicht bedeutet einen entscheidenden Schritt in die Moderne. Straßen werden sicherer gemacht, das lästige Auffüllen oder Austauschen von Lampen und Kerzen entfällt und Fabriken werden in ihren Produktionszeiten vom Sonnenlicht unabhängig. Mit einigen Jahren Abstand verabschieden sich daher nach London bald auch Städte wie Paris, Berlin und Wien von den alten Öllampen. Der Zenit europäischer Kultur, das Viktorianische Zeitalter, soll vom industrialisierten, gleichförmigen Gaslicht erhellt werden!
Die Schatten der Furcht
Aber hinter dieser strahlenden Fassade sind nicht wenige Zeitgenossen von einer tief sitzenden Angst und intuitivem Unbehagen gegenüber der neuen Technik befangen. Manche Nachteile sind offensichtlich: Die Gaslampen verursachen große Hitze und verbrauchen riesige Mengen an Sauerstoff, was in geschlossenen Räumen zu unangenehm stickiger Luft führt, die Schwindel und Übelkeit hervorrufen kann. Die bei der Verbrennung entstehenden Gase färben Mobiliar, Tapeten und Stoffe mit einem kränklichen Gelb und bleichen kostbare Gemälde unwiederbringlich aus. Dazu kommen die steten Gefahren von Explosion und Vergiftung. Aus einem offenen Hahn strömt heimlich und unentwegt das unsichtbare Gas aus, welches aufgrund seines hohen Kohlenmonoxid-Anteils innerhalb von Minuten zum Tode, oder aufgrund seiner Entflammbarkeit innerhalb von Sekundenbruchteilen zur Zerstörung ganzer Räumlichkeiten führen kann.
Jenseits dieser pragmatischen Bedenken liegt allerdings eine wesentlich tiefere Furcht vor dem unsichtbaren, fremden Eindringling in den unendlichen Rohrleitungen. Seit Menschengedenken war das gemeinsame Licht das Zentrum des familiären Beisammenseins gewesen, das Herdfeuer und die Kerze um die man sich versammelte, waren gleichbedeutend mit Heim geworden. Doch nun wird dieser individuelle Kern herausgerissen und ersetzt durch anonymes, gefühlloses Gas, dass lauernd in den Rohren wartet, welche sich wie die unzähligen Arme einer rußgeschwärzten Krake böswillig die gesamte Stadt durchziehen. Man ist von dem fremdartigen Eindringling mit seiner steten Bedrohung abhängig geworden, und nicht wenige Familien versuchen, mit dem nächtlichen Abdrehen des Haupthahns ein Stück Autonomie wiederherzustellen. Und das Gefühl zu verdrängen, man habe sich auf Gedeih und Verderb an etwas ausgeliefert, dessen wahre Natur man nicht begreift.
Szenarioideen
Es ist diese klassische Thematik um die Entwurzelung des Menschen in den Rädern des Fortschritts, der dadurch die Grenze zu neuartigem und doch uralten Schrecken überschreitet, die auch dem Gaslicht anhaftet und aus der Inspiration für verschiedenste Szenarien gewonnen werden kann. Hierbei wird in der Regel von dem klassischen Zeitalter der 1890er ausgegangen, wobei der Spielleiter aus Stilgründen geflissentlich das bereits verstärkte Auftreten elektrischer Beleuchtung ignorieren kann.
- Die Bewohner eines alten Stadtviertels sperren sich vehement gegen die Errichtung einer Gasanlage in ihrem Bereich. Sie scheinen eine geradezu groteske Furcht vor dieser Neuerung zu haben, und werden den Inspekteuren und Bauarbeitern gegenüber sogar handgreiflich. Steckt mehr dahinter als die Technikfurcht der einfachen Bevölkerung?
- Eine exzentrische Künstlerin sorgt in der Avantgarde mit ihren fantastischen Bildern für Aufsehen. Ihre Methode besteht darin, eine Gaslaterne hinter einer weißen Leinwand aufzustellen und der Flamme geheime Pulver beizumengen. Sie male lediglich die dabei projizierten Landschaften ab. Fauler Zauber oder Blick in eine andere Welt?
- Die Irrenhäuser verzeichnen einen sprunghaften Anstieg von Insassen, die unablässig von einem “Ding in den Leitungen” erzählen, dass aus den Gasanschlüssen flüstern, locken und verhöhnen würde. Dann auch noch die sich häufenden Vermisstenmeldungen aus der ganzen Stadt! Was haben die neue Gasgesellschaft und der vermummte Laternenwächter aus den Kinderliedern damit zu tun?
(Literatur: Wolfgang Schivelbusch: Lichtblicke. Zur Geschichte der künstlichen Helligkeit im 19. Jahrhundert. – Alle verwendeten Bilder stammen von commons.wikimedia.org)



