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Cthulhu im Gaslicht – SHERLOCK HOLMES

Du betrittst das Zimmer im ersten Stock welches dir die Haushälterin gewiesen hat und findest dich in einem gemütlichen Wohnraum wieder, der mit mehreren vollgestellten Tischen und Schränken jedoch leicht unordentlich wirkt. Die Luft ist schwer von Rauchschwaden, die dem Londoner Nebel in Nichts nachstehen, jedoch scheinen sie dem beißenden Geruch nach zu urteilen nicht dem knisternden Kaminfeuer zu entspringen. “Guten Abend Mr. Walters.” Erst jetzt entdeckst du den Mann im Lehnstuhl direkt vor dem Fenster. Die schräg hereinfallende Sonne lässt dich den in einen rot-goldenen Morgenrock gekleideten Sprecher mit der wohlartikulierten Stimme nur schemenhaft wahrnehmen, während er seine schmauchende Pfeife auf das Tischchen neben seinen Deerstalker-Hut legt und dir einen Sessel direkt ihm gegenüber anbietet. “Nehmen sie doch Platz.”

Blinzelnd gehorchst du und erkennst allmählich etwas mehr von deinem Gastgeber: Er ist sehr schlank und aufrecht sicher deutlich mehr als sechs Fuß groß. Oberhalb seiner hochgewölbten Stirn sind die dunklen Haare bereits einen fein meliert und mehr noch als das entschlossen wirkende Kinn fällt die scharf gebogene Raubvogelnase auf. Dann jedoch wird dein Blick von den unter buschigen Brauen emporfunkelnde Blick der durchdringenden grauen Augen gefangen. Er legt seine sehnigen Hände zusammen und unterbricht dich direkt, als du gerade das knapp gehaltene Telegramm hervorholen willst. “Vom tragischen Ableben ihres Kollegen bin ich bereits informiert; er war ja selbst zu Lebzeiten nicht immer ganz beisammen…”

Ehe du dich entscheiden kannst ob der Mann soeben einen besonders geschmacklosen Scherz gemacht hat, fährt er ungerührt fort: “Aber wie ich sehe kehren sie soeben aus der Südsee zurück, Pitcairn-Inseln wenn ich nicht irre und die Angelegenheit wegen der sie mich sprechen wollten scheint in der Tat wichtig zu sein wenn sie nichteinmal zuvor ihre kürzlich Angetraute besucht haben!” Du bist sprachlos, hast du doch noch nichts von alledem erzählt! Verwirrt stotterst du etwas, doch dein Gastgeber ist noch nicht fertig. “Dass sie stattdessen lieber den Limehouse-Distrikt meiden sollten brauche ich nach dem Verlust ihrer Brieftasche wohl nicht mehr zu erwähnen.” Interessiert beugt sich der mit tatsächlich außergewöhnlichem Talent begabte Mann nun vor und seine aufblitzenden Augen mustert dich in deinem Erstaunen.

“Dürfte ich sie, Mr. Walters, nun noch fragen, wo genau sie bei ihrer Reise der offensichtliche Zwischenfall mit einem Riesenkalmar ereilte…?”

Es gibt wohl kaum eine Gestalt der Gaslicht-Ära, die noch nach über einhundert Jahren eine so große Bekanntheit für sich verbuchen kann wie der weltberühmte Meisterdetektiv Sherlock Holmes. Sein Name ist ein Sinnbild für Logik und Genialität geworden und die Geschichten seiner Abenteuer haben sich über die ganze Welt verbreitet.

Es sollte daher keinen Spielleiter überraschen, wenn die ratlos im viktorianischen London herumirrenden Charaktere sich möglicherweise nach dem scharfsinnigen Detektiv erkundigen um dessen Hilfe in ihrem – erfahrungsgemäß sehr mysteriösen – Fall einzuholen. Oder aber der Spielleiter selbst findet die Idee eines Crossovers reizvoll.

Dieser kurze Artikel soll dann nach Möglichkeit dabei helfen, Sherlock Holmes im Spiel überzeugend abzubilden und lebendig werden zu lassen, sei es als hilfreicher Verbündeter, mysteriöser Kontaktmann oder gar als eiskalter Gegenspieler und so das Spiel im Londoner Gaslicht zu bereichern!

Werdegang

“Kunst im Blut nimmt oft die seltsamsten Formen an.”

William Sherlock Holmes erblickt am 17. Juni 1854 als zweiter Sohn einer Landjunkerfamilie aus Yorkshire das Licht der Welt. Im Gegensatz zu dem von ihm verehrten Bruder Mycroft wird der junge Sherlock zu Hause unterrichtet und vergräbt sich nach dem frühen Tod seiner Mutter – einer Tochter aus dem französischen Künstlergeschlecht Vernier – mehr und mehr in der obskuren Bibliothek, die der exzentrische Vater angelegt hatte.

Im Jahre 1873 beginnt Holmes Naturwissenschaften zu studieren, flieht jedoch nach bereits einem Jahr aus dem einengenden Cambride nach London, wo er Schauspieler am renomierten Lyceum wird. Zwar gelingt es Mycroft, der in Oxford bereits beweißt, dass Genialität in der Familie zu liegen scheint, seinen Bruder nocheinmal an die Universität zurückzubringen, doch 1875 kehrt er dem Studium endgültig den Rücken. Ohne Abschluss widmet sich Sherlock nun als isoliert lebender Autodidakt allen Wissensgebieten die ihm zusagen, bis er schließlich 1878 zurück in London die schicksalsträchtige Laufbahn des “einzigen beratenden Detektivs der Welt” einschlägt, nachdem seine Beobachtungsgabe und logischen Schlussfolgerungen wiederholt aufgefallen waren.

1881 lernt Holmes den ehemaligen Militärarzt Dr. John Watson kennen und gemeinsam beziehen sie das bald legendär werdende Appartement in der Baker Street 221b, von wo aus sich der außergewöhnliche Detektiv ab nun unzähligen skandalösen, tiefgründigen und rätselhaften Fällen widmet und sich erbitterte Duelle mit seinem Erzfeind, dem kriminellen Genie Professor Moriaty liefert. Die für die Öffentlichkeit am geeignetsten Erfolge werden von Watson aufgezeichnet und in späteren Jahren zum bis Heute anhaltenden Ruhme des Detektivs veröffentlicht.

Jedoch sind die bekannten Geschichten nicht mehr als Fragmente der unermüdlichen Arbeit des Sherlock Holmes und man kann davon ausgehen, dass kein mysteriöser Fall der Ära seinen Argusaugen entgangen sein wird…

Persönlichkeit

“Die triste Routine des Daseins ekelt mich an. Ich verzehre mich nach geistigen Höhenflügen.”

Ein Blick in diesen knappen Lebenslauf legt bereits nahe, dass Holmes noch nie ein gewöhnlicher Zeitgenosse war, und tatsächlich hat der gute Dr. Watson sich nicht den pflegeleichtesten Mitbewohner ausgesucht, was auch die Charaktere rasch merken werden.

Seit frühster Kindheit ist Sherlock Holmes eine geheimniskrämerische und sehr selbstständige Person und hält seine Pläne auch als Erwachsener oft selbst vor Freunden und Verbündeten geheim, um sie erst in dem Moment effektvoll zu offenbaren, an dem er sein Ziel erreicht hat und alle Anwesenden durch seine legendären Fähigkeiten verblüffen kann Derlei dramatische Kunstgriffe schätzt der Meisterdetekiv ebenso wie die geistige Herausforderng des Rätsels selbst, versichert jedoch im gleichen Zuge gerne, dass die Lösung des jeweiligen Falls ja geradezu für jeden, der nur ein wenig von logischem Denken und Kombination versteht, auf der Hand lag.

Gleichzeitig jedoch äußert sich Holmes des öfteren herablassend über bornierte Beamte des Scotland Yard und beklagt sich in verletzter Eitelkeit darüber, dass seine detektivische Wissenschaft – mit der er sich auf Augenhöhe mit den größten Denkern seiner Zeit wähnt – nicht genügend gewürdigt wird. Er betont wiederholt, dass er niemals rät oder sich von irgendwelchen Gefühlen leiten lässt, sondern durch blanke Rationalität und Deduktion seine Schlüsse zieht. Sherlock Holmes, der Bescheidenheit eigener Aussage nach nicht als Tugend wertet, pocht arrogant darauf mit seinen Methoden einzigartig zu sein und weiß sehr wohl um seine Genialität.

Doch bekannterweise liegen Genie und Wahnsinn eng beieinander und Watsons Geduld wird durch die merkwürdigen Anwandlungen des Meisterdetektivs immer wieder auf harte Proben gestellt, die den Meisterdetektiv immer dann befallen, wenn die Kapazität der Denkmaschine Holmes nicht durch eine herausfordernde Aufgabe ausgereizt und angetrieben wird.

Nicht selten verfällt er dann in eine melancholische, ja geradezu depressive Stimmung, in der sich den ganzen Tag über nicht aus seinem Sessel erhebt und seinem wohl größten Laster frönt: Dem Rauschgiftkonsum. Sehr zum Entsetzen des Arztes Watson nimmt Holmes an solchen Tagen nicht nur wie üblich Tabak zu sich, sondern mit großer Selbstverständlichkeit auch Kokain und Morphium; eine Abhängigkeit die seine Gesundheit streckenweise stark angreift – und sobald ein neuer Fall den Ehrgeiz des Meisterdetektiv weckt, erschweren im Gegenzug frenetische Arbeit und extremer Schlafmangel die Erholung.

Aber auch abseits von solchen Extremen zeigt Holmes im Alltag eine ganze Reihe von seltsamen Verhaltensweisen. So ist seine Gewohnheit, Zigarren im Kohleeimer und Tabak in einem persischen Pantoffel aufzubewahren noch eine harmlose Marotte, während seine mit einem Taschenmesser am Kaminsims festgerammten Korrespondenzen und sein kleines chemisches Labor mitten im Wohnzimmer schon seltsamer anmuten. Bei Holmes’ Schießübungen allerdings, bei denen er vom Sessel aus mit einer Pistole “daranging, die Wand gegenüber mit Einschusslöchern in Form eines patriotischen V.R. zu verzieren” kann man vor der Geduld der Vermieterin nur den Hut ziehen.

Besäße die Persönlichkeit des großen Detektivs nicht noch eine etwas menschlichere Seite; kaum jemand würde die anstrengende Gesellschaft von Sherlock Holmes über längere Zeiträume ertragen können.

An seinen guten Tagen jedoch begegnet der Meister der Deduktion seinen Mitmenschen als Musterbeispiel eines höflichen, charmanten und humorvollen Gentlemans – auch wenn sein Humor leicht sarkastisch wird und besonders Watson sich stets vor Schelmenstreichen seitens seines Freundes in Acht nehmen muss. Und trotz seiner Herkunft und Erziehung kann er sehr progressive Ansichten haben, ist der modernen Kunst zugetan und mit einem glühenden Gerechtigkeitssinn ausgestattet, der Holmes bereits so manches steife Gesetz übertreten ließ. In extrem aufwühlenden Situationen lässt sich der Detektiv sogar zu überraschend starken Gefühlsausbrüchen hinreißen.

Trotzalledem bekommt man leicht den Eindruck, dass Holmes Schwierigkeiten hat, die Gefühlswelt anderer Menschen nachzuvollziehen; ja sogar Beziehungen und der Liebe selbst scheint er in seinem selbstgewählten Zölibat der Rationalität völlig abhold zu sein.Seine einzige große Leidenschaft – neben seiner Arbeit versteht sich – scheint die Musik zu sein. Er besitzt eine kostbare Stradivari-Geige welche er häufig spielt um seinen Geist von den Anstrengungen des Tages zu erholen und wer einmal einen träumerischen und nahezu entrückten Holmes antreffen will, sollte am besten in der Parkettloge eines Konzertsaals danach Ausschau halten.

Fähigkeiten

“Mein Name ist Sherlock Holmes, und es ist meine Aufgabe, das zu wissen, was andere nicht wissen.”

Die Spieler werden den berühmtesten Detektiv aller Zeiten wohl aber nicht aufsuchen, um seinem virtuosem Violinespiel zu lauschen, sondern vielmehr um die einzigartigen geistigen Fähigkeiten, für die der Name Sherlock Holmes bis Heute zum Synonym geworden ist, in Anspruch zu nehmen.

Ob charakteristische Körperhaltung und -merkmale, verschiedener Verschmutzungen an Schuhen oder Fingernägeln, dem Zustand und Geruch von Kleidung, verräterische Verhaltensmuster oder tausende andere winzige Hinweise; keine noch so alltägliche Kleinigkeit seiner Gegenüber scheint vor dem Adlerauge des Detektivs sicher zu sein. Doch nicht nur Holmes’ Mitmenschen, auch die alltägliche Umgebung mitsamt ihrer Vorgänge ist stets Objekt seiner Beobachtung bei der er sich und auch Watson beständig dazu anhält, nicht auf allgemeine Eindrücke zu vertrauen, sondern stattdessen nüchtern alle aussagekräftigen Details zu registrieren.

Holmes beherrscht die Kunst, auch die Detail,s die anderen entgehen oder unwichtig erscheinen mögen, wahrzunehmen, sie wie in einem Goßrechner miteinander unter streng logischen Gesichtspunkten in Verbindung zu bringen und so zu einer messerscharfen und weitreichenden Analyse zu gelangen, die er wiederum als Basis für weitere nach gleichem Schema ablaufende Schlussfolgerungen nutzt bis er schließlich den Fall vollständig gelöst hat. Holmes’ Ermittlungen und Nachforschungen sind stets die zielgerichteten Versuche das entscheidende Puzzleteil zu finden um aus seinen aufgestellten Hypothesen die einzig mögliche herauszufiltern.

Um die dafür essentiellen Hintergründe zu kennen erweitert Holmes unermüdlich seinen profunden Wissenschatz und lässt dabei auch exotische, wissenschaftliche und obskure Veröffentlichungen ebenso wie die tägliche Klatschpresse nicht aus.

Und obwohl der Detektiv ein ambitionierter Chemiker und professioneller Codeexperte ist, sich in den Straßen und Gassen Londons auskennt wie in seiner Westentasche, mehrere Fremdsprachen fließend beherrscht und sein unglaubliches Verkleidungs- und Verstellungstalent sogar Watson zu täuschen vermag, kann selbst Sherlock Holmes seine Augen und Ohren nicht überall haben. Zu diesem Zweck unterhält er ein ganzes Netzwerk von Agenten und Informanten im Großraum London, darunter eine Bande von Straßenjungen, den “Baker Street Irregulars”, die ihn mit den benötigen Hinweisen aus allen Teilen der Metropole versorgen.

Wer nun jedoch denkt, mit Sherlock Holmes einen wehrlosen Bücherwurm und Stubenhocker vor sich zu haben, da er den geistigen Wettreit eher sucht als den körperlichen, irrt gewaltig und bereut diesen Fehler meist schon sehr bald.

Holmes’ Revolverübungen kennen wir schon, aber zudem bekam bereits so mancher selbstsicherer Angreifer zu spüren, dass der Detektiv seit seiner Kindheit bei den besten Lehrern das europäische Fechten mit Degen und Stock gelernt hatte. Seit jeher hat der isolierte Sonderling Einzelkampfarten den in der viktorianischen Zeit so beliebten Mannschaftssportarten vorgezogen, und so behauptet Watson auch nicht ganz zu Unrecht, Holmes sei “einer der besten Boxer seiner Gewichtsklasse”. Sein Erzfeind Moriaty fiel hingegen einer japanischen Ringkampftechnik namens “Baritsu” zum Opfer; sicherlich nicht die letzte Geheimwaffe des Multitalents Sherlock Holmes…

Der Detektiv und der Mythos

“Welchem Zweck mag der Kreislauf von Elend, Gewalt und Schrecken wohl dienen?”

Wie aber passt nun der rationale und logische Holmes in den unfassbaren Schrecken des Kosmos’, welchem die Spielercharaktere für gewöhnlich begegnen? Für viele stellen diese beiden Welten unvereinbare und beinahe dogmatische Gegensätze dar, doch so abwegig ist die Verbindung zwischen Baker Street und Mythos durchaus nicht!

Zum einen hat sich Sherlock Holmes trotz seines ständigen Bestehens auf nüchterne Logik einem gewissen Rest von Spiritualität nie erwehren können, er ist keinesfalls Atheist oder gar Nihilist, sondern gewissermaßen ein Kind seiner ins Zweifeln gekommene Zeit, und in ihm liegen Abkehr und Hoffnung in stetem Widerstreit. Zum anderen hat der Detektiv sich zwar stets höchst geringschätzig über populären Aberglauben wie Geister und Vampire geäußert; die Götter und Wesen des Mythos dagegen sind nach Lovecraft allerdings sehr real, materiell und durchaus wissenschaftlich erklärbar; zumindest in der Theorie oder nach anderen Naturgesetzen als den unsrigen.

Und genau hier bietet sich ein perfektes Einsatzfeld für Sherlock Holmes: In seinen Augen gibt es keine Rätsel dem ein entsprechend geschulter Geist nicht gewachsen wäre und er ist auf der ständigen Suche nach neuen Herausforderungen für seinen immer hungrigen Intellekt. Erinnert der naturwissenschaftlich geprägte und von der Gesellschaft isolierte Detektiv in seinem ehrgeizigen und unnachgiebigen Streben nach ständig tiefer gehender Erkenntnis und der Aufdeckung aber auch der letzten Geheimnisse nicht stark an einen geradezu vorbildlichen Cthulhu-Ermittler? Oder aber vielleicht sogar an einem fanatischen Kultisten?

Möglichkeiten Holmes in eine Gaslicht-Runde im viktorianischen England einzubringen sind reichhaltig – viele der Geschichten wirken tatsächlich oft über weite Strecken recht cthuloid – und können zu sehr interessanten Handlungen führen, wenn der größte Detektiv der Welt auf den unermesslichen Mythos stößt. Der Spielleiter sollte allerdings stets darauf achten, dass die Spielercharakter die Hauptakteure sind und auch bleiben! Genialität schön und gut, aber wenn Holmes Fälle im Alleingang löst und die eigentlichen Investigatoren nur zuschauen dürfen, werden sich die Münder der Spieler wohl wesentlich eher zum Gähnen als zum Staunen öffnen.

Daher sollte wohl überlegt sein, wie viel Platz der Ikone eingeräumt wird und wie groß seine NSC-Rolle angelegt wird; zwischen Dreh- und Angelpunkt bis Sidekick ist alles möglich.

So könnte er als schattenhafter Puppenspieler die Charaktere als seine Agenten beschäftigen, die dadurch tiefer in die von Holmes untersuchte Angelegenheit hereingezogen werden als ihnen lieb ist. Oder aber die Spieler kommen von sich aus auf den renomierten Detektiv zurück, um mit dessen Fähigkeiten und Ressourcen in ihren eigenen Nachforschungen weiterzukommen, wodurch sie einen hilfreichen aber auch neugierigen Kontaktmann gewinnen können. Eine andere faszinierende Facette wäre, wie bereits angesprochen, die Person des Sherlock Holmes als Gegenspieler. Wie fühlen sich wohl die Spieler, wenn sie wissen, dass die eiskalte Rechenmaschine Holmes gegen sie arbeitet; sei es weil das Gesetz ihren Kampf gegen den Mythos nicht zu schätzen weiß oder aber der fanatische Engländer selbst in Abgründe vorgestoßen ist, die geringeren Geistern verborgen geblieben wären?

Skizzen und weitere Anregungen

Wenn man das Unmögliche ausgeschlossen hat, dann muss das, was übrig bleibt, so unwahrscheinlich es auch erscheinen mag, die Wahrheit sein.

Abschließend folgen nun drei kurze Ideen für Abenteuer die sich um Sherlock Holmes drehen könnten:

- Nach seinem vorgetäuschten Tod in den Reichenbachfällen bereiste Sherlock Holmes inkognito die Welt und besuchte dabei unter anderem Arabien und Tibet mit ihren verbotenen Städten. Als er schließlich wieder nach London zurückkehrt ist er ein anderer Mensch, wie Dr. Watson schockiert feststellen muss, sehr blass und erschöpft. Erst der Besuch der ratlosen Charaktere – oder doch eher der Anblick des mitgebrachten Artefakts? – scheint sein altes Feuer wieder auflodern zu lassen und er sichert fest seine Hilfe bei ihrer Suche zu. Jedoch werden die Charaktere das Gefühl nicht los, dass Holmes bereits mehr über die mysteriösen Dinge weiß als er preisgibt und gleichzeitig seine ganz eigene Agenda verfolgt. Also beinahe schon Business as usual.

- Sherlock Holmes befindet sich in einem tödlichen Duell mit dem Verbrechergenie Moriaty. Der Professor der Mathematik scheint Fäden zu spinnen die in einer Katastrophe für London, das ganze Empire oder sogar die ganze Welt enden könnten. Doch irgendwie entzieht er sich immer wieder auf unglaubliche Weise dem Zugriff des Detektivs. Holmes dagegen ist es gelungen ein völlig neuartiges Opiat zu entwickeln, mit dessen Hilfe er der glaubt, endlich hinter die Geheimnisse seines Erzfeindes zu kommen. Doch er braucht die Hilfe der Charaktere, denn er kann nicht an beiden Orten gleichzeitig sein: Der wachen Realität und der Welt hinter dem Schleier. Eine riskante Gradwanderung steht bevor.

- Die Charaktere werden von Mycroft Holmes in den Diogenes Club eingeladen. Er bekleidet ein hohes Amt in der Regierung und ist nach Aussage seines jüngeren Bruders Sherlock der einzige, der ihn in den Disziplinen des Geistes noch übertrifft. Doch der rundliche Beamte ist gerade deswegen in schwerer Sorge: In letzter Zeit plagen ihn zusehens seltsame Träume und Vorfälle die das klare Denken unmöglich machen. Aber was noch beängstigender ist: Sherlock hat sich zuvor in der obskuren Bibiliothek des alten Familienanwesens inmitten staubiger Bücher verschanzt, empfängt niemanden und Mycroft befürchtet schlimmes. Was plagt den Stammhalter der Holmes’ und welches Ziel verfolgt Sherlock bei alledem? Wer ist Freund, wer ist Feind?

Selbstverständlich steht es dem Spielleiter frei, diese kurzen Szenario-Umrisse für seine eigenen Zwecke abzuändern oder als “Steinbruch” für völlig andere Konstellationen zu nutzen. Außerdem sollte er stets im Hinterkopf behalten, dass das Bild, dass wir von Holmes haben auf den wenigen Fällen basiert, die veröffentlicht wurden! Besonders skandalöse oder auf andere Weise für das Publikum ungeeignete Fälle hat der Detektiv Watson verschwiegen oder dieser hat sie nicht protokolliert…!

Auch sollte der Spielleiter nicht den Fehler machen und Sherlock Holmes als unfehlbar darstellen, dies würde allzu unrealistisch und auch langweilend wirken! Er mag wirklich gut sein in dem was er tut, doch betont er sogar selbst, dass er bereits so manchen gravierenden Fehler begangen hat und wir wissen zum Beispiel von Irene Adler, der es gelungen ist, den Meister der Deduktion zu schlagen. Und sie ist nicht die einzige: Holmes selbst trägt die Namen von vier weiteren Personen in sein Gedächtnis gebrannt, denen er nicht rechtzeitig beikommen konnte – und schließlich wurde der Whitechappel-Mörder auch nicht gefasst…!

Als weitere Anregungen, Hilfestellung oder zur Vertiefung in die Thematik hier noch einige ganz persönliche Empfehlungen, die teilweise auch maßgeblich in diesen kleinen Artikel miteingeflossen sind:

- Sherlock Holmes, die unautorisierte Biografie (N. Rennison; Artemis & Winkler-Verlag)

Der wohl vollständigste und detaillierteste Lebenslauf der von Holmes existiert. Geschickt werden nicht nur Doyles Arbeiten ausgewertet und höchst unterhaltsam präsentiert bis man beinahe vergisst, eine Romanfigur vor sich zu haben.

- London, im Nebel der Themse (Hintergrund- und Quellenband; Pegasus Press)

Enthält alles um eine Gaslicht-Runde das richtige London-Feeling zu geben. Außerdem finden sich hier sehr gelungene Spielwerte zu Sherlock Holmes und seinem Boswell Dr. Watson.

- Sherlock Holmes, Schatten über Baker Street (M. Reaves & J. Pelham [Hrsg.]; Bastei Lübbe)

20 Autoren widmen sich in 18 Kurzgeschichten der Aufgabe, den einzigen beratenden Detektiv der Welt mit Lovecrafts Mythos zu vermischen. Eine Fundgrube an Ideen.

(Rezension hier im Blog)

- Sherlock Holmes, Die Spur der Erwachten (PC-Spiel; Frogwares / Focus Home Entertainment)

Man verkörpert in diesem gelungenen Adventure Holmes selbst und gerät auf die Spur des verderbten Cthulhu-Kults, dem es das Handwerk zu legen gilt. Knifflig aber hochspannend.

- …und natürlich A.C. Doyles Geschichten selbst.

Eine bezahlbare Komplettausgabe habe ich bisher noch nicht gefunden, aber es gibt gute Kollektionen mit diesen oder jenen Fällen des Detektivs. Ich empfehle vor allem Eine Studie in Scharlachrot, Der Hund der Baskervilles und Das Zeichen der Vier.

Sherlock Holmes ist zu einem festen Bestandteil unserer Vorstellung des Gaslicht-Zeitalters geworden, wie Königin Victoria oder Jack the Ripper, und hat bis zum heutigen Tag nichts von seiner Popularität eingebüßt. Einen Funken dieses schillernden Charakters in die heimische Runde einzubringen kann dabei helfen, den Spielern das faszinierende Zeitalter des ausgehenden 19. Jahrhundert näherzubringen. Schließlich hat ein Rollenspiel, dass so viel Wert auf Ermittlungen, Mysterien und intellektuelle Lösungen legt wie Cthulhu, niemand geringeren als den berühmtesten Detektiv aller Zeiten verdient!

Und wer weiß welcher Schrecken als nächstes aus dem Nebel der Themse auftaucht…?

Watson, die Jagd beginnt!

Stefan Droste

16 Kommentare

  1. … zu diesem Thema kann ich die beiden Sherlock Holmes Spielboxen aus den 80ern empfehlen…. eine Arte Rollenspiel …. allerdings mit genau ausgearbeiteten Handlungen … mit ein wenig umschreiben und Geschick lässt es sich als “richtiges” Rollenspiel benutzen

    Sherlock Holmes – Criminal Cabinet
    Sherlock Holmes – Tatort London

    Franckh`sche Verlagshandlung W. Keller & Co., Stuttgart

    mit etwas Glück noch bei ebay oder in Gebrauchtspieleläden zu bekommen

    Marc

  2. Die erste Box hab ich mir spontan zugelegt und mich auch schon am ersten Fall versucht. Unglaublich cooles Spiel kann man nur sagen; schade nur, dass der Wiederspielwert so gering ist. Gibts da zufällig ne Fanbasis mit selbstgemachten Fällen, müsste ja recht gut möglich sein? Ansonsten bleibt einem natürlich nur, das ganze als SL fürs Rollenspiel umzubauen…;)

  3. Jepp.

    Ich würde mich übrigends freuen, wenn jemand, der mit dem Gedanken spielt Sherlock Holmes in seine Abenteuer einzubauen, hier seine Meinung zu dem Artikel schreiben würde. Sozusagen als praktische Einschätzung.

    Auf ins Gaslicht!

  4. Das Spiel ist der absolute Hammer! Ich hab den ersten Fall mit 19 Indizien nicht lösen können und Sherlock brauchte 4!!! :D Bin total begeistert – hab mir am Freitag noch das Zusatzpack geholt :)

  5. freut mich auch für Dich Daniel… wenns Dir Spass macht… es waren die toten Löwen im Hyde Park wenn ich mich recht entsinne … ja um an Sherlock heranzukommen bedarf es sich schon einer Menge Absinth ;-)

  6. Guter Übersichtsartikel. Apropos Übersicht: Die [url=http://luline.net/extra/2009/propfundes-ersparnis]komplette Kollektion[/url]  (16 DVDs) der Filme aus den 1980er gibt es gerade für unter 50 Euro.

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