Die Sommerinterviews 2008 – Jens Christian Seele
Aug 27th, 2008 by Daniel
Herzlich willkommen zu unserem letzten Sommerinterview in diesem Jahr! Unser Partner ist Jens Christian Seele, der mit Kinderstimmen auf sich aufmerksam machte und der zudem am NOW-Band Verschlusssache und am kürzlich erschienen Terra Cthulhiana mitgearbeitet hat.
Cthulhu.de-Team: Hallo Jens, schön das du für das Interview Zeit hast. Wir starten wie üblich mit einer kurzen Vorstellung und danach geht es auch gleich los!

Jens Christian Seele
Jens-Christian Seele: Moin, Daniel. Tjo, ich bin Jens-Christian Seele, 26 Jahre alt und hauptberuflich Student der Philosophie und Informatik. Kennen tut man mich vielleicht wegen „Kinderstimmen”, das war ein Abenteuer, das Ende letzten Jahres im Band „Todesangst” für Cthulhu Now raus gekommen ist. An ein paar anderen Sachen für Cthulhu hab ich auch mitgearbeitet. Hobbys: Schreiben, Computerspiele (originelle), Filme glotzen und Musik (Rap) machen.
CT: Originelle Computerspiele, da werde ich hellhörig. Welche PC-Spiele stehen denn bei dir im Schrank?
JCS: Hauptsächlich, aber nicht nur spiele ich gerne alte Klassiker, z. B. frühe Sachen von LucasArts oder id, sowie Independent-Spiele. „Defcon” von Introversion is super, weil man die Welt mit Nuklearraketen auslöschen darf und das Spiel mit null Grafik-Pomp um sich schmeißt. Die haben auch „Uplink” gemacht, genau so ein Kracher. Momentan hab ich „Space Hulk 2″ raus gekramt und spiele nebenbei „Die Versuchung”, so einen interaktiven Film aus den Neunzigern mit John Hurt. Wahrscheinlich DER interaktive Film, das ist eigentlich ein einziger psychologischer Test und zum Schluss bekommt man eine detaillierte Psychoanalyse über sich selbst ausgehändigt. Und da ich gestern „Requiem: Avenging Angel” wiederbekommen habe, wird das auch bald wieder gezockt. Jetzt sind ja Semesterferien, da darf ich das.
CT: Zurück von der digitalen Welt zum klassischen Pen&Paper: Wie bist du denn in Cthulhus Fänge geraten?
JCS: Auf ganz verschlungenen Pfaden. Irgendwie war mir Lovecraft immer ein Begriff, weil ich schon als kleines Kind angefangen hab, Horror- und Splatterfilme zu gucken. Da waren auch so Sachen wie „From Beyond” und „Army of Darkness” dabei. Bin übrigens kein Amokläufer davon geworden… Dadurch und durch H. R. Giger bin ich auf das „Necronomicon” aufmerksam geworden und hab mir dann diese durchaus schnieke Fake-Version gekauft, die ich, ich geb’s zu, tatsächlich zunächst als echt angesehen habe. Jugendlicher Blödsinn. Durch das „Necronomicon” bin ich auf Lovecrafts Geschichten gekommen und hab die verschlungen. Als ich dann mal nach Lovecraft und Necronomicon und so gegoogelt hab, hab ich herausgefunden, dass das Necronomion eben ein Fake is und dass es ein Rollenspiel gibt. So kam eins zum andern.
CT: Du hast ja auch schon an verschiedenen Publikationen mitgearbeitet, wie kam es denn dazu?
JCS: Einige Jahre, nachdem ich heraus gefunden hatte, dass es ein Rollenspiel gibt, fiel mir das mal wieder irgendwann ein und ich bin auf die Seite von Chaosium gelangt, wo ich mir die Einsteigerregeln runter geladen und dieses kleine, beiliegende Miniabenteuer um das Haus mit dem Untoten im Keller mit meiner Rollenspielrunde gezockt hab. Wir waren bis dahin eigentlich nur langjährige D&D-Spieler gewesen. Dann hab ich mein erstes eigenes Abenteuer für den privaten Cthulhu-Gebrauch geschrieben und bin bei Recherchen nach Quellenmaterial auf der Seite von Pegasus gelandet, wo gerade ein Abenteuerwettbewerb zu Cthulhu Now ausgeschrieben war. Der lief noch ein paar Tage und ich dachte mir: Yo, da mach ich mit. Hat funktioniert, hab den dritten Platz belegt mit einem Abenteuer namens „Blackout”. Das war, glaube ich, 2005. Dann bin ich per Email mit Frank Heller ins Gespräch gekommen und er meinte, ich solle doch mal ein weiteres Abenteuer für Now schreiben. Daraus wurde dann „Kinderstimmen”.
CT: Und woran arbeitest du gerade?
JCS: Nachdem meine Arbeit am Verschlusssache-Band bis zum Lektorat abgeschlossen ist, arbeite ich momentan tatsächlich an nix offiziellem für Pegasus, das kann sich aber schnell wieder ändern, wenn ein neuer Band geplant wird. Dann klinke ich mich wieder ein und mache hoffentlich mit, falls mir das Thema gefällt und Platz für mich ist. Außerdem arbeite ich zusammen mit Erdenstern, Nils Bross und Holger Göttmann an einem Blogprojekt. Erdenstern wird dafür Musik beisteuern und das ganze auch anderweitig multimedial aufpeppen, mit Flashanimationen zum Beispiel. Wir drei Autoren werden die Texte für den Blog schreiben. Die Idee ist sehr cool, es werden fiktive Postkarten und kurze Briefe auf der Seite erscheinen, dazu mulmige Musik von Erdenstern. Das ganze wird zwar nicht im Cthulhu-Universum spielen, aber trotzdem eine starke Horrornote haben. Außerdem schreibe ich mal hier und da privat an Abenteuern für Cthulhu, mal schauen, ob davon was veröffentlicht wird. Nebenbei baue ich mir gerade ein eigenes, kleines Rollenspiel zusammen, das natürlich voll der Hammer wird. Ich werde aber nichts davon verraten, damit keiner meine Idee klaut
. Einen längeren Science Fiction Roman schreibe ich auch gerade, finde aber momentan wenig Zeit dafür. Hab eh noch keinen Verleger für das Ding.
CT: Wie gehst du denn beim arbeiten vor, was inspiriert dich?
JCS: Das ist total unterschiedlich und hängt vom Genre ab. Bei Cthulhu suche ich vor allem nach alltäglichem, persönlichem Schrecken. So wie in „Kinderstimmen”, wo es um eine Neubausiedlung mit Kindern geht – die Idee kam mir, als um das Haus, in dem ich aufgewachsen bin, eine Neubausiedlung gebaut wurde, und ganz viele Kinder zuzogen. Neben unserem Haus ist ein Spielplatz und die Kinder haben tierischen Lärm gemacht. Persönlicher Schrecken halt… Ich alter Spießer… Ein Abenteuer, an dem ich momentan privat schreibe basiert hingegen auf einem Albtraum von mir – wird ein ziemlich spezielles Abenteuer, ziemlich sick. Ein Oneshot für nur einen Spielercharakter. Mal schauen, wann es fertig wird. Für Cthulhu reicht es manchmal, sich nachts Dokumentationen auf Phoenix an zu gucken, wo irgendwer irgendeine alte Höhle entdeckt hat, oder ein Experiment durchführt, dass die Erde vernichten könnte, wie das am CERN momentan. Nachrichten gucken funktioniert auch immer gut. Man sieht irgendeinen Bericht und denkt sich: Da kann man eine gute Geschichte draus entwickeln. Bei Kinderstimmen kam hinzu, dass ich irgendwann heraus gefunden hatte, dass diejenigen Familien, die nach außen hin so perfekt wie möglich erscheinen, in Wahrheit die tiefsten Abgründe verbergen. Und dass so gut wie alle Familien Abgründe verbergen. Solche Erkenntnisse können sehr inspirierend sein.
CT: Wie sieht es mit Recherche für Artikel oder Szenarios aus? Bibliothek oder doch eher Wikipedia?
JCS: Ich geb’s zu, hauptsächlich Wikipedia. Und andere Webquellen. Aber immer mehrere, um zu verifizieren, mit der Hoffnung, dass die nicht voneinander abschreiben. Für den Verschlusssache-Band hab ich unter anderem auch über’s Hacken recherchiert. Dann guckt man mal in düsteren Foren, wo sich Leute darüber unterhalten wie genau und wie schnell sie Netzwerke knacken. Sehr lehrreich. In die Bibliothek bin ich aber auch schon gegangen, für „Terra Cthulhiana” zum Beispiel, für den ich ein paar Artikel geschrieben hab. Bei dem Artikel über Templer und Assassinen kam ich nicht umhin, auch mal in ein paar Geschichtsbücher zu gucken. Hat aber auch Spaß gemacht. Wie gesagt, bieten Fernsehdokumentationen und -berichte auch reichlich Stoff. Man muss halt nur die Augen offen halten.
CT: Und wie lange schreibst du an einem Szenario? Wie lange an einem Artikel?
JCS: Absolut unterschiedlich. Häufig ist es so, dass ich die Idee früh ausformuliert habe und dann bis auf den letzten Drücker warte, bis ich in die Tasten hacke. Dann hab ich eine Arbeit meistens innerhalb weniger Tage fertig. Super war der Wostok-Artikel für „Terra Cthulhiana”. Da wurden wir kurzfristig gefragt, ob wir nicht noch ein paar Sachen für den Band übernehmen können, ich hab mir den Wostok raus gepickt, obwohl ich vorher noch nie was davon gehört hatte und dann innerhalb einer Woche recherchiert und geschrieben. Den Artikel mag ich besonders, der hat richtig viel Spaß gemacht. Manchmal ist es aber auch so, dass ich erst was schreibe, dann wieder bei Seite lege, wieder hervor krame, weiter schreibe usw. Wie ich vorgehe, hängt aber auch mit der Zeit zusammen, die mir mein Studium zum Schreiben lässt.
CT: Ok, ich hab auch noch nie was von Wostok gehört, was ist das?
JCS: Der Wostok ist so ein unterirdischer See in der Antarktis, der seit zig Millionen Jahren von einer Eisdecke bedeckt ist, die inzwischen vier Kilometer dick ist. Da drin schwimmen Lebensformen, die sich wahrscheinlich seit Urzeiten nicht verändert haben. Man vermutet, dass die Lebensbedingungen im Wostok ähnlich sind, wie auf dem Jupitermond Europa, wo man ja auch Leben vermutet. Der Wostok ist klasse für Cthulhu, bei meinen Recherchen bin ich darauf gestoßen, dass aus irgendwelchen mysteriösen Gründen eine Forschungsstation, die da Bohrungen gemacht hat, mal von der Army in aller Eile geräumt wurde. Was die wohl gefährliches aus dem Bohreis geholt haben?
CT: Gibt es ansonsten Themen die du unbedingt mal bearbeitet möchtest, die vielleicht auch bisher noch nicht abgedeckt sind?
JCS: Science Fiction. Cthulhu in der Zukunft, das brennt mir unter den Nägeln. Aus dem Forum weiß ich, dass da irgendwas kommen soll irgendwann. Sobald die Gerüchte sich verfestigen, werde ich sofort versuchen, mich da ein zu klinken und mit zu machen. Mir hat auch „Cthulhu Rising” sehr gefallen, obwohl ich bislang noch nicht dazu kam, das mal zu spielen. „Alien” ist einer meiner Lieblingsfilme und ich glaube, man kann in der Zukunft sehr gut cthuloiden Horror unterbringen. In einer hochtechnisierten Zukunft, wo die Menschen das Universum bereisen, werden die sehr schockiert sein, wenn sie raus finden, dass all ihr Technik-Schnick-Schnack nix wert ist. Kann man viel draus machen. Mittelalter wird aber bestimmt auch cool, weil die Menschen da ähnlich hochnäsig sind und so gottesfürchtig. Mit Cthulhu kann man sowas immer toll attackieren.
CT: Es gibt ja CthulhuTech und es gab auch mal ein GURPS Cyberpunk-Cthulhu-Setting. Wie sieht denn deine SciFi-Cthulhu-Welt aus? Sollte es mehr in den Straßenschluchten der technokratischen Großstädte spielen oder an Bord von Raumschiffen und fremden Planeten?
JCS: Hauptsächlich in Raumschiffen und auf fremden Planeten. So ein „Truckers in Space”-Szenario vielleicht in einer unperfekten Zukunft, in der der Mensch zwar den Weltraum bereisen kann, aber immer noch nicht fundamentale Fragen des Lebens beantwortet hat. Also mehr Firefly als StarTrek. Mehr rauchende Colts als Laserkanonen. Was rauhbeiniges, düsteres. Man könnte schön das Thema Weltraumkoller thematisieren und einen Fokus darauf legen, wie Menschen in der unendlichen Weite des Weltraums oder der kargen Ödnis eines einsamen Planeten langsam wahnsinnig werden. Also irgendwie ein klaustrophobisches Kammerspiel. Irgendwie wäre mein Cthulhu in der Zukunft ein Spagat zwischen „2001 – Odysee im Weltraum” und „Alien”.
CT: Da es ja noch kein SciFi Setting gibt: Hast du eine Vorliebe für eine bestimmte Epoche?
JCS: Definitiv Cthulhu Now.
CT: Daran schließt sich natürlich gleich die nächste Frage an, warum gerade Now?
JCS: Now ist am griffigsten. Ich hab so die typischen Argumente: Man weiß einfach sofort, wie man sich das vorzustellen hat, wie teuer eine Taxifahrt von hier nach Hamburg ist, wie die gesellschaftliche Situation ist, usw. Außerdem haben die 20er immer etwas abenteuerliches. Man reist eher nach Ägypten und gräbt im Sand – das ist auch cool, aber Now bietet die Möglichkeit, ein Mehrfamilienhaus zu nehmen, in eine der Wohnungen ein paar Kultisten zu stecken und niemand kriegt mit, dass die da Babys opfern oder so. Im Anschluss an so ein Abenteuer käme dann ein Artikel aus der Bild, worin beschrieben wird, dass wieder ein Kind von seiner Mutter getötet wurde. Man kann schön der tatsächlichen Gegenwart einen verzerrten Spiegel vorhalten. Jeder hat heutzutage so seine eigenen Ängste und Paranoia, um die eigene Existenz zum Beispiel, oder seine Individualität. Die kann man super in Now ausnutzen und verwenden, um Horror zu erzeugen, der absolut unmittelbar ist. Deswegen Now.
CT: Was fasziniert dich denn allgemein an Cthulhu?
JCS: Da muss ich weit ausholen. Ich hab mal ein paar Semester Literaturwissenschaften studiert und in einem Seminar haben wir auch Lovecraft dran genommen, zusammen mit anderen Sachen, wie Aphex Twin und Chris Cunningham. Da haben wir auch „The Thing” geguckt und in Bezug auf Lovecraft analysiert, ebenso wie „Alien”. Bei dem Seminar wurde mir klar, was ich schon immer an Lovecraft faszinierend fand. Und zwar, dass er Bilder erzeugt, die keine sind. Der beschreibt Dinge, die unvorstellbar sind und zwingt uns dazu, die uns doch vorzustellen. Das ist ganz schön gemein und genauso raffiniert. Im Prinzip setzt der damit seine Philosophie literarisch um, dass es Dinge gibt, die sich dem Verständnis entziehen und dass man sie nur verleugnen oder wahnsinnig werden kann, wenn man sie dann doch erfährt. Das macht der dann auch gerne mit Wortneuschöpfungen oder Kombinationen von Begriffen, die nicht kombiniert werden können, so wie „tropfender Horror” zum Beispiel. Im Prinzip sind Stories von Lovecraft ein bisschen wie Bilder von Giger. Naja, und das Rollenspiel verwendet halt seine Ideen. Und da ich immer schon begeisterter Rollenspieler war, ist das der Overkill. In Cthulhu kannst du als Spielleiter einfach was beschreiben, was total absurd und unlogisch ist. Aber innerhalb des Rollenspiels bleibt es merkwürdigerweise glaubhaft, weil es darum geht, dass die Welt nicht so funktioniert, wie wir uns das denken. In einem dieser Aufsätze, die hinten in den Suhrkampbüchern drin sind stand mal, dass Grusel ist, wenn ich im Regen stehe aber nicht nass werde. Das Gefühl kann man in Cthulhu erzeugen.
CT: Das ist eine tolle Beschreibung für Grusel! Ich nehme an du hast Lovecraft dann auch gelesen?
JCS: Jau, fast alles von ihm. Charles Dexter Ward fehlt mir noch. Aber ich hab die Verfilmung von Dan O’Bannon gesehen. Ansonsten hab ich eigentlich alles gelesen. Auch andere Mythos-Sachen von Howard und Smith, aber nicht so viel wie vom Meister selbst. Die „Traumsuche nach dem unbekannten Kadath” ist eine meiner absoluten Lieblingsgeschichten. Die lese ich eigentlich mindestens ein mal pro Jahr. Ganz große Materie.
CT: Bist du denn auch für anderen Horror offen?
JCS: Klar. Allerdings hab ich in der Literatur wenig gefunden, das mich wirklich beeindruckt hat. Stephen King zum Beispiel finde ich extrem langweilig und blöd. Da kapituliere ich nach wenigen Seiten, weil mir der Stil nicht gefällt. Der Typ schwafelt, genau wie Tolkien, einfach nur rum. Das geht mir bei Filmen aber auch so. Nen Kumpel meinte kürzlich mal zu mir, und ich bin da gleicher Meinung, dass ihn seit „Der Exorzist” (im originalen Schnitt) eigentlich kein Horrorfilm mehr richtig geschockt hat. Es gibt wenig wirklich gutes, aber ich bin immer dran interessiert und offen für neues.
CT: Was gefällt dir denn? Eher die Hardcore-Horror-Fraktion oder doch lieber der Softcore-Grusel-Fan?
JCS: Hardcore Horror. Wenn schon, denn schon. Das muss aber nicht heißen, dass es immer Gore und Splatter sein muss, es kann auch ruhig psychologisch oder surrealistisch abgehen, wie bei Lynch oder eine Mischung aus Splatter und Psycho wie beim frühen bis mittleren Cronenberg. Aber bitte immer auf die harte Tour. Horror ist schließlich kein Kindergeburtstag. Da muss man sich erschrecken und den Schrecken irgendwie über den Konsum des Buchs, des Films oder des Computerspiels mit hinaus nehmen. Vielleicht bin ich auch einfach schon zu abgehärtet. Richtig guter Horror ist zum Beispiel das Remake von „Die Fliege” von Cronenberg. Dreckig, ekelig, raffiniert und voll in die Fresse. Als ich den als kleiner Dötz gesehen hatte, hatte ich danach richtig Probleme, einzuschlafen. So muss Horror sein.
CT: Was sollte eine gute Horrorgeschichte oder ein gutes Horrorszenario haben?
JCS: Zu aller erst eine gute Idee. Bitte kein Abklatsch von Sachen, die man schon tausend Mal gelesen oder erfahren hat. Es sei denn, man macht ne Hommage daraus oder gibt dem ganzen einen wirklich neuen Aspekt. Zombie- oder Vampirgeschichten sind ein gutes Beispiel. „Shaun of the Dead” war eine humoristische Hommage und das war gut so, hat funktioniert. „28 Days later” hat die Zombies auf einmal verdammt schnell und gefährlich gemacht, das war neu. Aber es gibt auch ganz viele plumpe Neuaufgüsse. Beim Rollenspiel und einem Szenario dafür ist es wichtig, dass das ganze einen Twist, eine gute Wendung bekommt. Wenn ich von Anfang an konkret ahne, worum es geht, kann kein Horror entstehen, weil Horror immer mit den Erwartungen spielt. Allerdings muss der Spieler/Leser/Zuschauer auch immer eine gewisse unkonkrete Ahnung haben, weil sonst keine Suspense entsteht – ist also eine Gratwanderung. Richtig guter Horror geht über kurze Schockmomente hinaus, das muss man irgendwie einfangen bzw. hinkriegen. Am Ende, und das gilt vor allem für Cthulhu, muss immer irgendeine fundamentale Anschauung der Charaktere in Frage gestellt werden und sie auf ihrer Leiter nach unten wieder eine Sprosse weiter gerutscht sein. Außerdem finde ich, dass Geschichten immer durch ihre Figuren definiert werden. Wenn es nur darum geht, auf ein Finale hin zu arbeiten, bei dem irgendein ekliges Monster auftaucht und alle platt macht, erzeugt man keinen guten Horror. Man muss gute Figuren etablieren und bei den Eiern packen, die so richtig psychologisch durch die Mangel nehmen und Ängste ansprechen, welche tief in denen schlummern. Einfaches Abschlachten reicht nie aus, sofern man über gewöhnlichen Splatter hinaus will. Das ist meine Idealvorstellung. Das in einem Rollenspiel umzusetzen ist recht schwierig, das gebe ich zu, weil du da die Spieler am Spieltisch bei den Eiern packen musst und die ihren eigenen Kopf haben. Ich will gar nicht behaupten, dass ich selbst das so super hinkriege. Ein Film oder Buch, in dem Charaktere vollständig dirigiert werden, muss das aber unbedingt leisten, um gut zu sein.
CT: Du hast die Ängste angesprochen: Was macht dir selbst Angst?
JCS: Ich mir selbst manchmal. Das soll jetzt nicht spleenig klingen. Aber am meisten schockieren einen doch die eigenen Abgründe. Ich hab mal aus Spaß eine Horrorversion meines Lebens geschrieben, da war ich Bankangestellter. Das war für mich echt gruselig. Sowieso, heraus zu finden, dass man selbst nicht der ist, der man glaubt zu sein kann verdammt schockig sein. Die Gratwanderung der eigenen Persönlichkeit zwischen Verstand und Wahnsinn oder Normalität und Perversion ist, was mir am meisten Angst macht. Wenn mich irgendeine Sache zu einer Killermaschine oder einem anders gearteten Monster werden ließe, würde mir diese Sache Angst einjagen. Und zwar extreme Angst. Nicht so sehr Verletzungen oder Tod, sondern etwas, was mich so fundamental ändert, dass ich mir nachher im Spiegel nicht mehr gefalle. Ich glaube, es gibt diverse, sogar alltägliche Dinge, die das schaffen können. Eifersucht zum Beispiel kann einen zerfressen oder Stolz. Solche Sachen sind wesentlich Furcht einflößender, als ein Monster, das im Dunkeln lauert.
CT: Wenn man von diesen Ängsten ausgeht, wie schafft man es so was in einem Rollenspielszenario einzusetzen. Wie schon gesagt, in einem Roman machen die Figuren ja was man will, aber Spieler sind unberechenbar und wenn man sie leitet, dann ist das Railroading, was also tun?
JCS: Eigentlich funktioniert das am besten, wenn der Horror, den man erzeugen will, gar nicht direkt im Abenteuer stattfindet. Da stößt man auf irgendwelche Tiefen Wesen oder so und erlebt lovecraftschen, cthuloiden Horror. Aber man sollte gleichzeitig über eine Kampagne hinaus Metaplots aufbauen, welche sich nur mit den Charakteren beschäftigen. Man formuliert die besser aus, zusammen mit den Spielern, die sie spielen. Wenn man weiß, wie ein Charakter tickt, kann man den persönlich angehen. Dann am besten durch die Hintertür. Meine oben genannte Angst könnte man z.B. ausspielen, indem man die Frau eines Charakters sagen lässt, dass er sich sehr verändert hätte, gruselig geworden ist oder so. Man kann dann gezielt auf die Charaktere designte Paranoia samt Halluzinationen bringen, die durch den Stabilitätsverlust legitimiert sind und diese Spleens dann wieder verwenden, um neue Abenteuer zu konstruieren oder den Abenteuern zumindest mehr Würze zu geben. Meiner Meinung nach geht es eh immer um die Spieler und ihre Charaktere, nie primär um die Geschichte oder das Szenario. Das ist nur der Aufhänger, die Bühne, auf der die Spieler agieren. Wahnsinnig werden die immer ganz von alleine. Fördern kann man das natürlich noch im Abenteuer. Durch Selbstreflexion zum Beispiel. Wenn ich ein Abenteuer schreiben würde, in dem Egoisten zu haarigen Monstern würden, wäre dies wahrscheinlich am gruseligsten für Egoisten. Blödes Beispiel…
CT: Liegen Horrorromane auf deinem Nachttisch oder hast du in letzter Zeit einen guten Horrorfilm gesehen?
JCS: Momentan lese ich kein Horrorbuch, ich lese gerade „Die Kompanie der Oger” von A. Lee Martinez, so ein Comedy-Fantasy-Ding. Macht Spaß. Danach lese ich wahrscheinlich endlich mal wieder die Dune-Reihe weiter. Hab in letzter Zeit auch keinen wirklich guten Horrorfilm gesehen. Das einzige, was denen ja momentan einfällt, ist, Remakes von japanischen Streifen oder alten Streifen zu produzieren. Es soll ja sogar ne Neuverfilmung von Freddy ohne Robert Englund kommen. Das finde ich langweilig und überflüssig. Ich warte auf „Cthulhu”, über den sich die Geister bei imdb ja scheiden. Solange guck ich mir noch ein paar mal „Die Mächte des Wahnsinns” oder „The Thing” an, um die Wartezeit zu verkürzen.
CT: Beides schöne Klassiker von John Carpenter, kann man nix mit falsch machen. Mächte des Wahnsinns ist schon sehr cthuloid oder?
JCS: Nicht so cthuloid wie Gülcan, aber fast. Meiner Meinung nach der cthuloideste Film, den es gibt. Oder zumindest, den ich kenne. Der hat alles, das ist eigentlich eine kleine, cineastische Lovecraft-Fibel. Nicht nur, weil er Monster und Abnormitäten zeigt und in der Klapse anfängt. Die ganze Struktur des Films ist surrealistisch und durch geklatscht. Der Film fängt irgendwann an, völlig durch zu drehen und eine Szene nach der anderen zu bringen, in der irgendeine kranke Scheiße passiert. Darin unser Protagonist, vollkommen auf sich allein gestellt, kommt einfach nicht aus der Stadt raus, wird immer wahnsinniger. Das ist super.
CT: Wo wir schon bei Carpenter sind: Eine letzte Sache noch, so kurz vor dem Schlusswort. Ich habe neulich einen Beitrag gesehen, ein Interview mit John Carpenter in dem er kurz zwei Arten von Horror zusammenfasst.
Man stelle sich einen Schamamen und seinem Stamm vor. Das Lagerfeuer lodert und alle Stammesangehörigen sitzen um die Flammen herum und lauschen der Geschichte des Schamanen. Er erzählt von dem Schrecken der dort draußen lauert. Der andere Stamm, das Ungeheuer im Wald, die finstere Höhle in der das Grauen wartet und die man nicht betreten sollte. Das ist die eine Art von Horror – Er kommt von außen.
Und dann könnte der Schamane noch eine andere Geschichte erzählen. Eine Geschichte bei der es um das Grauen in uns selbst geht. Wir sind das Böse. Es kommt aus uns, es lauert in unserem Herzen – Das ist der Horror von innen. Was meinst du dazu?
JCS: Ja, das würde ich so unterschreiben. Ich weiß noch, dass ich (ich weiß gar nicht mehr von wem genau oder wodurch) bei den ersten Sachen, die ich für Pegasus gemacht habe, Anweisung bekommen habe, möglichst neben äußerem auch inneren Horror anzuwenden. Beides funktioniert irgendwie, beides gruselt. Ich persönlich finde inneren Horror stärker. Das ist genau dieses Mein-eigener-Abgrund-Ding, worüber wir vorher schon gesprochen haben. Vielleicht könnte man sogar soweit gehen, zu sagen, dass äußerer Horror oft vom inneren Horror bestimmt wird. Denn wenn ich in die dunkle Höhle gehe, werde ich herausfinden, dass es nur eine dunkle Höhle ist. Besuche ich den bösen Stamm, werde ich herausfinden, dass es nur Menschen sind. Es sei denn, das sind wirklich fiese Kerle oder da hockt ein Monster in der Höhle. Dann greifen unsere Überlebenstriebe, unsere natürliche, angeborene und gesunde Angst. Innerer Horror is da schon sicker, schwerer greifbarer und erklär- bzw. bekämpfbarer.
CT: Das war unser letztes Sommerinterview in diesem Jahr! Danke Jens für die Zeit, die dieses Interview verschlungen hat und wie immer gehören unseren Interviewpartnern die letzten Worte. Jens, du hast das Wort!
JCS: Tja, wat soll man da sajen? Ich hoffe, ich hab nicht zu viel geschwafelt, das mach ich nämlich gerne und… spielt Cthulhu! Sofort! Und sowieso: Nicht so viel „World of Warcraft”, mehr Pen&Paper, gefälligst!

Dieser Blog beschäftigt sich in erster Linie mit dem Rollenspiel 










Dem Schlußsatz von Jens kann ich nur zustimmen.
Mehr „Pen & Paper“? Nur „Pen & Paper“!
Ok, Brettspeile sind auch erlaubt, und alles was nicht mit Computer oder Video zu tun hat
Hey, der Jung war doch auf der Cthulhu-Con Spieler von mir
War gute Runde.
Wirklich ein interessantes Interview.
Gruß
Bernd