„Nachts“, „Grausame Städte“, „Insel des Todes“ und, seit neustem „Wasserscheu“ sind nur einige Bücher unseres ersten Interviewpartners in diesem Sommer. Der 1971 geborene Schriftsteller und Herausgeber Markus K. Korb zählt nicht nur Poe und Lovecraft zu seinen literarischen Vorbildern, sondern auch Franz Kafka und Thomas Ligotti. Mit seinen Geschichten gewann er nicht nur den ersten Preis des Marburg Awards 2004, sondern auch den deutschen Phantastik Preis. Demnächst erscheint ein Nachfolger zu dem Band „Grausame Städte“ und, in Kooperation mit Tobias Bachmann, das Buch „Arkham Sanatorium“, das sich mit dem lovecraftschen Mythos beschäftigen wird.
Cthulhu-Team: Vielen Dank Markus, dass Du dir Zeit nimmst für das Interview. Um einfach mal ganz einfach und harmlos zu Starten: Wofür steht denn das K. in Markus K. Korb?
Markus K. Korb: Das „K“ steht für meinen zweiten Vornamen: „Karl“.
CT: Nachdem dieses Geheimnis gelöst ist, kommen wir dann also zum wesentlichen :-] Wie kamst Du zum Schreiben und wie lange schreibst Du schon?
MKK: Ich schreibe seit meinem zehnten Lebensjahr. Zum Schreiben gekommen bin ich durch einen sonntäglichen SF-Film, dessen Anfang ich für sehr gelungen fand. Aber im weiteren Verlauf hat mich der Streifen gelangweilt und ich beschloss, es besser zu machen, indem ich meine eigene Version des Films schrieb. Das war dann mein erster Roman – Umfang: 1 Seite. :-]
CT: Was war das denn für ein Film und wie ging deine Geschichte aus? :-]
MKK: An den genauen Titel kann ich mich nicht erinnern, einzig daran, dass es mit einem Raketenstart begann, aber ich im Anschluss daran das Gefühl hatte, dass der Film immer schlechter wurde. So schlecht, dass ich den tollen Anfang zu einer eigenen Geschichte ausbauen wollte. :-]
CT: Warum schreibst Du gerade Horrorgeschichten und keine Krimis oder romantische Komödien?
MKK: Oh, schreibe ich Horror? Ich dachte, das wären romantische Komödien, nur etwas dunkler… ;-] Ok, im Ernst: einen historischen Krimi habe ich auch schon mal geschrieben, aber auch Science Fiction oder Fantasy. Ich mag mehr die Stoffe, die mich aus der Realität herauskatapultieren, die spannend und interessant sind.
CT: Das erinnert an Stephen King. Er beginnt ja auch seine Geschichten mit oft banalen Situationen wie die Aufräumarbeiten eines alten Kellers in „Nachtschicht“ oder dem Kauf eines Bildes auf einem dieser typischen amerikanischen Garagenverkäufe in „Der Straßenvirus zieht nach Norden“. Dein neues Buch „Wasserscheu“ hat auch ganz alltäglich Anlässe, ein Badeausflug am See oder eine kleine, aber verbotene Abkürzung, denkst Du das der Horror im Alltäglichen lauert?
MKK: Ja, das kann durchaus sein. Das Übernatürliche bricht in die fiktive Realität ein, manchmal sickert es ganz langsam ein, manchmal schlägt es aber auch zu wie mit einer Axt – brutal und schnell.
CT: Eine Frage die wohl immer wieder einem Schriftsteller gestellt wird, aber einfach nie aus der Mode kommt, weil so interessant ist, ist: Woher nimmst Du deine Ideen?
MKK: Nicht ich finde die Ideen, sondern die Ideen finden mich. Es ist so, dass ich einfach mit empfangsbereiten „Antennen“ durch die Welt marschiere. Da schnappe ich hier mal was auf, dann lese ich dort was anderes und alsbald entsteht aus den unterschiedlichsten Elementen, die eigentlich unzusammenhängend wirken, eine Idee.
CT: Ist es denn nicht schwer etwas wirklich Originelles im Horrorbereich zu schreiben? Wenn man sich die zahllosen Bücher und Filme anschaut, da ist doch fast jedes Thema schon irgendwann und irgendwie beackert worden.
MKK: Stimmt. Es kommt also mehr darauf an, wie man das Motiv angeht und ausformt. Gerade das ist das Originelle dabei.
CT: Planst Du deine Geschichten von A bis Z durch oder überraschen dich deine Figuren manchmal selbst, während Du die Geschichte schreibst?
MKK: Ich plane meine Geschichten relativ durch, d.h. ich habe Anfang, Ende und grobes Handlungsgerüst. Zwischendurch fällt mir aber schon immer wieder was ein, das ich nicht bei der gedanklichen Erstfassung dabeihatte, aber das finde ich gut so, erhält meine Storyentwicklung dynamisch.
CT: Wie gehst Du denn konkret vor, wenn Du eine neue Idee für eine Geschichte hast?
MKK: Sobald die Idee gezündet hat, werde ich damit „schwanger“, jongliere im Kopf damit herum, entwickle die Story. Und wenn ich dann ein Ende habe, erst dann kann ich mich zum Schreiben hinsetzen und konsequent auf das Ende hinschreiben.
CT: Machst Du auch solche Dinge wie „Clustern“ oder „Mindmapping“ um zu planen?
MKK: Nein. Das Planen geschieht einzig und allein bei mir im Kopf.
CT: Wie sieht dein Arbeitsplatz aus? Krabbelt auch bei Dir eine Spinne in einem Glas, wie seinerzeit bei Edgar Allan Poe oder schreibst Du vielleicht bequem auf dem Sofa am Laptop?
MKK: Kein Totenschädel, keine Spinne, keine schwarzen Vorhänge. Mein Büro sieht absolut normal aus, sieht man mal von der sinnvollen kreativen Unordnung auf dem Schreibtisch ab. Das Dunkle, Unheimliche spielt sich bei mir im Kopf ab, da braucht es keine Impulse von außen. :-]
CT: Was ist das Schwierigste am Schreiben einer Geschichte wenn die Idee einmal da ist?
MKK: Das sprachliche Verfeinern, das Überarbeiten.
CT: Sicherlich ist es schwer seine eigene Arbeit kritisch zu lesen, holst Du dir dabei manchmal Hilfe und Anregungen von anderen?
MKK: Das habe ich früher sehr oft getan. Inzwischen habe ich das Gefühl, dass ich genug Distanz zu meiner eigenen Schreibe habe, um selbstkritisch genug zu sein.
CT: Schreibst Du lieber Romane oder Kurzgeschichten?
MKK: Definitiv Kurzgeschichten. Ich finde, dass die Kurzgeschichte per se am besten geeignet ist, um den Effekt der unheimlichen Phantastik zu erreichen: Verstörung der Weltsicht des Lesers für die Zeit der Lektüre und eventuell ein wenig darüber hinaus. ;-]
CT: Ja, Kurzgeschichten bieten sich dafür wirklich an, aber ist es nicht viel schwerer eine Kurzgeschichtensammlung als Autor bei einem Verlag unterzubringen als ein Roman?
MKK: Kurzgeschichtensammlungen zu veröffentlichen ist meiner Ansicht nach schwieriger, da stimme ich dir zu. Aber deswegen möchte ich nicht davon abweichen. Ich bin nicht darauf angewiesen vom Schreiben leben zu müssen, daher sehe ich das sehr entspannt.
CT: Welche Tipps würdest Du Autoren geben, die gerade erst anfangen zu schreiben?
MKK: Selbstkritisch sein, schreiben, schreiben, schreiben, und das Überarbeiten nicht vergessen.
CT: Was hältst Du von Schreibseminaren oder dem Lernen aus Büchern, hilft so etwas?
MKK: Irgendwann kommt jeder Autor an einen Punkt, wo er nichts mehr aus sich heraus lernen kann. Dann sollte er sich Anregungen holen. Von Büchern über das Schreiben habe ich selbst viel gelernt. Schreibseminare habe ich aber nicht besucht, daher kann ich darüber nichts sagen. Doch ich kann mir vorstellen, dass ein Seminar bei einem Profi – z.B. Andreas Eschbach – sehr sinnvoll sein kann.
CT: Ist es eigentlich sehr schwer mit einer Geschichte oder einem Roman aus dem Horrorgenre eine Veröffentlichung zu bekommen?
MKK: Im deutschen Sprachraum muss die Frage leider mit „Ja“ beantwortet werden. Schade, dabei gab es bis ca. 1933 eine große Phantastik-Leserschaft.
CT: Was denkst Du denn woran das liegen könnte?
MKK: Das lag zunächst an einem Mann namens Adolf Hitler. Phantastik galt zumeist als nicht erwünscht. Viele Autoren erhielten Schreibverbote, wanderten aus, beispielsweise Alexander Moritz Frey. Nach dem Krieg war man zunächst bemüht, Deutschland wieder aufzubauen und das Geschehene literarisch zu verarbeiten. Da war kein Platz für Realitätsferne. Erst in den Sechzigern und Siebzigern erholte sich das Genre, fand allerdings seinen Platz vor allem im Heftroman.
CT: Was sind deine Lieblingsbücher aus dem Bereich Horror?
MKK: Schwer, verdammt schwer. Kings „Shining“ gehört als Roman sicherlich zu den gelungensten Beispielen, im Bereich der Kurzgeschichte die Sammlung „Bücher des Blutes“ von Barker und mehrere Dutzend von anderen Storys, die aufzuzählen den Rahmen des Interviews sprengen würde.
CT: Barker ist ja schon etwas härter bei seinen Beschreibungen. Ich oute mich jetzt mal als Softcore-Horrorfan, wie sieht es da bei Dir aus?
MKK: Das kommt bei mir auf das Thema an. Manche Motive brauchen Deutlichkeit, andere Subtilität.
CT: Und die besten modernen Horrorautoren derzeit sind?
MKK: Thomas Ligotti, Jeffrey Thomas, Jeff Vandermeer, Mark Samuels, Quentin Crisp auf dem internationalen Sektor.
CT: Und welches Buch liest Du gerade?
MKK: „Das große Steingesicht“ von Nathaniel Hawthorne aus der „Bibliothek von Babel“, herausgegeben von Jorge Luis Borges.
CT: Was muss man, deiner Meinung nach, unbedingt aus dem Bereich Horror gelesen haben?
MKK: Edgar Allan Poes Geschichten – definitiv alle.
CT: Hast Du eine Lieblingsgeschichte von Poe?
MKK: „Das schwatzende Herz“ – diese Geschichte hat mich zutiefst beeindruckt, sowohl was Stil als auch Motivik anbelangt.
CT: Wenn Du selbst eines deiner Bücher empfehlen müsstest, welches sollte man unbedingt mal lesen?
MKK: Keine leichte Frage, da jedes meiner Bücher mir als lesenswert erscheint, da bin ich als Autor natürlich befangen. Aber das jüngste „Kind“ ist einem als Autoren ja immer das Liebste, so empfehle ich also „WASSERSCHEU“ aus dem Atlantis-Verlag (www.atlantis-verlag.de), eine Storysammlung, die ausschließlich im Sommer stattfindet. Also Grauen am Badesee, am Meer, im verlassenen Waldfreibad, etc.
CT: Wechseln wir mal kurz das Medium ;-] Wie sieht es mit Horror-Filmen aus, welche zählen zu deinen Favoriten?
MKK: Für mich ist „Alien“ einer der besten Horrorfilme, auch wenn er in einem SF-Setting spielt. Gleichauf sehe ich „Bis das Blut gefriert“, einen Spukhausklassiker in Schwarzweiß von 1962 (Regie: Sir Robert Wise).
CT: An was arbeitest Du im Moment?
MKK: An einem Nachfolger zu „GRAUSAME STAEDTE“, meiner Erstveröffentlichung. Es heißt dann folgerichtig „GRAUSAME STAEDTE 2“. :-]
CT: Kannst Du schon etwas über den Inhalt verraten?
MKK: Es werden wiederum Storys aus zwei Städten aus – Paris und Prag. Aber diesmal habe ich mir erlaubt, das Konzept etwas freier zu gestalten und zudem einige Exkursionen in andere Gefilde gewagt. Eine Geschichte spielt zum Beispiel teilweise auf dem Mond.
CT: Kommen wir zu Howard Philips Lovecraft. Lovecraft wird ja oft als einer DER Horrorautoren in den USA schlechthin bezeichnet und von einigen in einem Atemzug mit Poe genannt, wie ist deine Meinung dazu, hat Lovecraft das Genre maßgeblich beeinflusst?
MKK: Ja, Lovecraft hat ohne Frage viele andere Autoren beeinflusst und somit das Genre maßgeblich geprägt.
CT: Was ist so prägend an ihm?
MKK: Lovecraft gelingt es mühelos, die Distanz zwischen Realität und Fiktion so weit zu verringern, dass man allmählich das Einsickern des Grauens zu spüren glaubt. Es ist nahezu unheimlich, wie er das schafft. Sieht man genauer hin, bemerkt man allerdings, dass Lovecraft „Tricks“ benutzt – er erwähnt beispielsweise real existierende Bücher und vermischt sie mit fiktiven Bänden, so dass man geneigt ist, deren Existenz ebenfalls zu glauben.
CT: Hat Dich Lovecraft auch irgendwie beeinflusst?
MKK: Auch hier ein klares „Ja“. Ich weiß noch genau, wie mich Lovecraft mit seinem Cthulhu-Mythos verunsichert hat, so dass ich am Ende fast schon zu glauben bereit war, dass es geheime Sekten gibt, welche die Rückkehr der Großen Alten vorbereiten. Mir war dabei sehr unwohl zumute.
CT: Hast Du eine Lieblingsgeschichte aus dem sog. „Cthulhu-Mythos“?
MKK: Von den Mythos-Storys mag ich „Cthulhus Ruf“, aber meine Lieblingsstory von Lovecraft ist „Die Ratten im Gemäuer“, dichtauf gefolgt von „Das Statement des Randolph Carter“.
CT: Demnächst erscheint ja der Episodenroman „Das Arkham Sanatorium“, der ja in Lovecrafts bekanntester Stadt spielen wird. Du schreibst den Roman zusammen mit Tobias Bachmann, kannst Du schon etwas über das Buch erzählen?
MKK: Es ist ein Episodenroman, der im Arkham Sanatorium spielt. Dort haben sich die verschiedensten geistig derangierten Personen eingefunden. Zwar scheint das zufällig zu sein, aber das scheint nur so… Am Ende kulminiert das Geschehen in einem „Showdown“, der über das Schicksal der Menschheit entscheidet.
CT: Klingt spannend, wann soll das Buch denn erscheinen?
MKK: Das Buch erscheint im Herbst 2007.
CT: Wie funktioniert die Arbeit mit zwei Autoren, wie stimmt Ihr euch ab beim schreiben?
MKK: Tobias Bachmann und ich arbeiteten parallel. Die eingebundenen Patientenschicksale haben wir uns geteilt, die Zwischensequenzen schrieb Tobias und ich schrieb das Endkapitel.
CT: Hast Du eigentlich etwas zu tun mit Rollenspiel, spielst Du gar selbst oder hast Du irgendwann einmal gespielt und wenn ja, was hast Du gespielt?
MKK: Ja, ich habe mal über viele Jahre eine Rollenspielerrunde DSA gehabt. War eine wunderbare Zeit!
CT: Als Abschluss bleiben die letzten Worte bei Dir, noch einmal vielen Dank für das Interview Markus!
MKK: Ich bedanke mich für das Interview und würde mich freuen, den ein oder anderen Leser mal bei einem Con zu treffen, wo man über meine Storys plaudern kann. Wäre toll! :-]]
