„I can´t tell if it´s yesterday or tomorrow and it´s a real mindfuck.”
- Nikki Grace
Inland Empire
Die ehemals gefeierte Schauspielerin Nikki Grace (gespielt von Laura Dern) wird überraschend für eine Hauptrolle engagiert. Der Regisseur des Films, Kingsley Stewart (gespielt von Jeremy Irons), eröffnet ihr und dem männlichen Co-Star Devon Berk (gespielt von Justin Theroux) kurz vor Drehbeginn, dass es sich dabei um ein Remake handelt. Pikantes Detail: Das Liebesdrama über eine verhängnisvolle Affäre wurde niemals fertig gestellt, da die beiden Hauptdarsteller auf mysteriöse Weise ums Leben kamen. Die Dreharbeiten starten. Mehr und mehr wird Nikki in die rätselhafte Welt ihrer Filmrolle hineingezogen. Von Angst und Panik getrieben, lebt sie ein Geheimnis inmitten von Welten in Welten…
Inland Empire ist David Lynchs neuster Film, seit dem herausragenden Mulholland Drive vor fünf Jahren. Lynchs Filme sind zumeist für den Zuschauer schwierig zu erfassen: Verschachtelte Rätsel und Handlungen greifen ineinander und sind so verwoben das die vordergründige Handlung schnell zu entschwinden droht und das Verstörende um sich greift. Wer aber glaubt, dass die Handlung in Lynchs Filmen zu vernachlässigen sei, der irrt. Sie ist vorhanden, aber man muss sie entdecken, die Schachteln öffnen und dann geschickt neu anordnen. Inland Empire setzt da erneut Maßstäbe (zumindest wenn man sich auf diese Art der Erzählweise einlassen kann, ansonsten wird man mit Lynchs Filmen keinen Spaß haben) und stellt den Zuschauer vor ein üppiges Rätsel im dunklen Kinosaal. Das war für viele wohl eindeutig zu viel des Guten: In den USA sollen wohl nur gerade einmal 100.000 Zuschauer den Film gesehen haben und auch in unseren Landen muss man schon länger suchen bis man ein Kino gefunden hat, in dem Inland Empire gezeigt wird (eine Hilfe mag da www.kino.de sein).
Hat man dann jedoch sein Kino gefunden und der Saal verdunkelt sich und die ersten Szenen eines Scheinwerfers in der Dunkelheit fährt über die Leinwand, beginnt ein Ausflug in den Surrealismus. Lynch erzählt eine Geschichte in einer Geschichte. Mit jeder geöffneten Schachtel kommt eine weitere zutage mit ihrem eigenen, neuen und geheimnisvollen Inhalt und nur wenn man sich an den Inhalt der ersten Schachtel erinnert, kann man das große Geheimnis ein wenig lüften. Sogar die Schauspieler sollen beim Dreh kein komplettes Drehbuch bekommen haben, sondern nur für jede Szene eine kurze Beschreibung mit ihrem Text. Das Lynch zu seinem Werk keine Erklärung abgibt, ist inzwischen ja normal und auch so gewollt. Der aus der Malerei kommende Filmemacher, kennt sich im übrigen sehr gut mit der Kunst und auch den dazugehörigen Kritikern aus, die ihre Meinungen oft als die vollendete Wahrheit verkaufen. Offensichtlich macht es Lynch seinen Kritikern nun nicht besonders leicht mit seinen Filmen und auch erklärende Kommentare spart er bereitwillig aus und sein neuster Film ist da keine Ausnahme.
Die Stimmung in Inland Empire ist geschwängert von einer drohenden Düsternis, erreicht durch die perfekt ausgeleuchteten Räume. Die spärlich beleuchteten Kulissen des Filmdrehs, das dunkle Kino in dem Nikki sich selbst sieht oder die pechschwarze Ecke in diesem kleinen rosa Apartment. Man wartet förmlich darauf, dass etwas aus der Dunkelheit steigt… Unheimliches wechselt sich ab mit Unwirklichem und die Kamera (Lynch nutzte hier eine handelsübliche Digitalkamera) fährt oft beängstigend nah an die ausgezehrten Gesichter. Gerade die Szene wo Nikki von einem Scheinwerfer angeleuchtete wird und auf einem stockdunklen Feld in Richtung Kamera läuft und ihr Gesicht zu einem grotesken Lachen verzerrt ist und wirklich bis zur Nasenspitze herankommt, rief ein beträchtliches Schaudern hervor. Auch die verzerrten Portraitaufnahmen aus der Froschperspektive tragen ihr übriges bei, so dass der Auftritt der neuen polnischen Nachbarin (gespielt von Grace Zabriskie, einigen vielleicht bekannt als Mutter von Laura Plamer aus der Serie Twin Peaks) von Nikki ganz zu Anfang, wirklichkeitsfremd erscheint. Auch die reichlich skurril wirkende Hasen TV-Serie (?), mit den einspielenden Lachern lässt einen eher ratlos, aber doch neugierig zurück.
Alles in allem wird man mit Lynchs Film drei Stunden lang aus seiner Realität gerissen und ins Inland Empire verschleppt. Die Bilder sind stark, unheimlich, unwirklich und rätselhaft. Freunde des außergewöhnlichen Kinos werden voll auf ihre Kosten kommen. Tragisch nur, dass der Film in nur wenigen Kinos gezeigt wird, aber er trifft eben nicht den Geschmack des Massenpublikums. Worum es in Inland Empire eigentlich genau geht, kann ich selbst auch nur erahnen, aber grob werden wohl drei Geschichten miteinander verwoben, aber… Nun das kann wohl jeder für sich herausfinden! Anschauen lohnt sich jedenfalls, wenn man Lynchs einmaligen Stil mag.
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