Titel: Wien – Dekadenz und Verfall
Autor: diverse
System: Cthulhu
Verlag: Pegasus
Format: Hardcover, schwarz/weiß
Seiten: 240
Sprache: Deutsch
Preis: 34,95 EUR
Pro: Gute Texte, gute Karten, interessantes Thema
Kontra: fehlender Index
Kaufempfehlung: strong buy
Obwohl ich Wien ja zu den schönsten Städten Europas zähle und sehr gute Erinnerungen mit der Donaumetropole verbinde, muss ich zugeben, dass sich diese Stadt durchaus als Schauplatz cthuloider Schrecken eignet. Mit einer langen Geschichte, den politischen Wirren nach dem ersten Weltkrieg und dem dort anzutreffenden Völkergemisch bietet Wien ein ideales Setting für das Rollenspiel Cthulhu und so kann man die Herausgeber nur zu der Wahl für das mittlerweile dritte Städte-Quellenbuch nach London und New York beglückwünschen.
In dieser Rezension beziehe ich mich ausdrücklich auf den Quellenteil. Ich habe die Abenteuer bis dato nicht gespielt und möchte mir daher über sie kein eingehendes Urteil erlauben. Eventuell wird dies in ferner Zukunft nachgeliefert.
Wien – Dekadenz und Verfall ist einer jener Cthulhubände, bei denen man das Gefühl hat, es wurde besonderen Wert darauf gelegt, mit den Texten das Flair der beschriebenen Stadt einzufangen. Um sich des naheliegenden musikalischen Sprachgebrauchs zu bedienen: beim Lesen “groovt man sich ein” in die Stimmung und das Lebensgefühl Wiens. Das liegt sowohl an Kleinigkeiten wie Gestaltungselementen aber vor allem an der Themenauswahl. Ein wenig Wiener Schmäh und alte k.u.k.-Höflichkeit tropft aus Überschriften, Textpassagen und den dazugehörigen Bildern. Eingestreute Portionen Lokalkolorit, wie zum Beispiel ein kleines Lexikon mit uns Deutschen eher fremden österreichischen Wörtern oder eine umfangreiche Speisekarte mit allerlei grotesk benannten Kaffeespezialitäten runden diese Informationssammlung perfekt ab.
Generell besteht über die Hälfte des Bandes aus Informationen zu Wien. Eingeleitet durch einen geschichtlichen Abriß, der bei den Römern beginnt, liegt der Schwerpunkt hier aber auf der Darstellung der Stadt in den 20er Jahren. Wer da im Unterricht aufgepasst hat, kann erahnen, welche gesellschaftlichen Umbrüche das Ende der habsburger Monarchie mit sich brachte und in welcher Phase der Desorientierung Spielercharaktere hier dem Mythos auf die Spur kommen können. Genau dies wird plastisch und faktisch zu Spielmaterial aufbereitet.
Einem Stadtführer gleich werden dann die Bezirke einzeln beleuchtet. Man verzichtet dabei auf allzu viele unnötige Details, vergisst aber nicht, alle wichtigen Sehenswürdigkeiten und Einrichtungen zu erwähnen. Ergänzt werden die Abschnitte durch für das Spiel relevante Fakten, zum Beispiel ortsbezogene Sagen, Personen und atmosphärische Hinweise. Den Autoren war es hier wohl vor allem wichtig, die Stimmung in den jeweiligen Bezirken einzufangen und zu transportieren, was gut gelingt und nie langweilig wird. Wissenswertes zur Donau, der Umgebung Wiens und natürlich diversen gruseligen Orten runden diese literarische Stadtrundfahrt ab. Zahlreiche nützliche und vor allem in außreichender Qualität gedruckte Karten von wichtigen Gebäuden, Anlagen und Verkehrsnetzen sowie sorgfältig ausgewählte Fotografien erwecken das Wien der 20er Jahre zu nachvollziehbarem Leben.
Im zweiten Kapitel werden diverse Aspekte der Stadt verarbeitet, die in einer Cthulhurunde erfahrungsgemäß eine Rolle spielen. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, dass Sanatorien und Krankenhäuser in diesem Panoptikum den Anfang machen. Es wird auch auf den Verkehr in und um die Stadt eingegangen und vor allem der Wiener Polizei und dem österreichischen Gerichtswesen genaue Beachtung geschenkt. Hier gibt es doch einige Unterschiede zum Deutschen Reich. In den später vorkommenden Abenteuern haben die Charaktere es auch mit Ermittlern der Polizei zu tun, was sich ideal mit diesen Hintergrundinformationen ergänzt.
Persönlich hätte ich mir hier noch einen detaillierteren Abschnitt über die Wiener Gastronomie und Hotellerie gewünscht, da viele Spielercharaktere die Stadt wohl als Reisende und nicht als Bürger kennenlernen. Ähnliche Informationen finden sich zwar über den Band verteilt in einzelnen Abschnitten, aber eine Tabelle oder eine kompakte Abhandlung dieses Themas wäre sicher hilfreich gewesen.
Das dritte Kapitel schließlich befasst sich mit dem Leben in Wien und richtet sich an die Spielercharaktere. Hier entfaltet sich die Stärke des Bandes wieder zur vollen Gänze: die liebevolle Darstellung der Stadt vor 90 Jahren. Einzelne Details zum Leben in der Metropole faszinieren beim Lesen sicherlich Spieler und Spielleiter gleichermaßen. Sie eignen sich hervorragend, um eine ganz eigene Stimmung zu generieren und Wien nicht zu einem zweiten Berlin in der Ausgestaltung durch den Spielleiter verkommen zu lassen. So erfährt man zum Beispiel etwas über die skurrile Tatsache, dass Wien kein echtes Nachtleben hatte. Die Gründe hierfür werden aufgezeigt und beschrieben, wie die Wiener damit umgehen. Dies ist nur ein Beispiel für zahlreiche Fakten in diesem Abschnitt, die dazu beitragen, dem Setting Wien ein eigenes Gesicht zu geben.
Das für den Cthulhu-Spielleiter wohl am sehnlichsten erwartete Kapitel 4 lässt dann den Teil Wiens, den ich so freundlich und schön in Erinnerung habe, hinter sich und begibt sich herab in die zwilichtige Welt des Verbrechens und des Horrors. Dies wird äußerst geschickt gemacht, indem man von realem Grauen in Form historischer Kriminalfälle langsam über finstere Sagen und Spukgeschichten zum Mythos wechselt. Immer wieder mischt sich hier aber auch Reales wie der OTO oder die Ariosophie mit Fiktivem, z.B. den Ghoulen. So entsteht ein ziemlich beklemmendes Bild einer okkulten Gegenwelt dieser Stadt, die in Bestform jene Tradition des deutschen Cthulhurollenspiels aufgreift, Fakten und Fiktion zu verbinden. Man hat sich sogar die Mühe gemacht jene nahezug mikroskopischen Spuren von Wien in Lovecrafts Werken aufzugreifen und zu verarbeiten.
Die beiden Abenteuer “Der Vogelmann” und “Blutwalzer” lesen sich gut und sind auch inklusiver aller Zusatzinformationen und Handouts sehr kompakt geschrieben und leicht umzusetzen. Mit Autoren wie Peer Kröger und Ralf Sandfuchs hat der erfahrene Cthulhu-Spieler hier auch erfahrene Recken vor sich, die ihr Handwerk mittlerweile mehrfach zur Probe stellen konnten. Die Kampagnentauglichkeit wird durch gemeinsame NSC erzeugt und man hat sich zudem Gedanken gemacht, wie man die legendären Wien-Abenteuer aus der Zauberzeit integrieren kann. Löblich und gut gelungen. Auch schön ist die Integration des wohl berühmtesten Wieners (in Cthulhu-Kreisen), Sigmund Freud. Wie im ganzen Band ist auch hier das Kartenmaterial vorbildlich. Die im Impressum erwähnte Christine Schlicht scheint entweder eine außerordentliche Begabung dafür zu haben oder etwas beruflich in dieser Richtung zu machen. Dies sieht man den Werken sofort an. Vorbildlich für jede Rollenspielpublikation! Wie eingangs erwähnt, möchte ich Abenteuer nicht vor dem Spielen ausführlich rezensieren, daher abschließend nur noch der Hinweis, dass der Eindruck beim Lesen positiv war.
Einziger Wermutstropfen ist das Fehlen eines Index, der das Nutzen des Quellenbuches am Spieltisch sicherlich mehr als vereinfacht hätte. Eben mal nachzuschlagen, wo Informationen über den Stephansdom zu finden sind oder wo sich eine Karte des Schienennetzes befindet, ist bei jedem Städtebuch außerordentlich nützlich. Da sollte bei Folgepublikationen auf jeden Fall dran gedacht werden. Aber angesichts der Glorie dieses Bandes, wäre es unfair dieses kleine Manko überzubewerten.
Zudem wäre es mehr als schade, wenn dieser vortreffliche Band in den langen Schatten der Berge des Wahnsinns dahinfrösteln müsste. Für mich ist dieses Buch jetzt schon ein absolutes Kleinod in den zahlreichen Cthulhu-Publikationen der letzten Monate oder gar Jahre und auf jeden Fall ein Buch, dass nicht nur zu Sammelzwecken im Schrank verkommen sollte. In Wien kann man den moderigen Atem Cthulhus trotz völliger Binnenlage im Nacken spüren. Als Brutstätte für kosmisches Grauen ist die Stadt ideal und Wien – Dekadenz und Verfall vermag es, diese Schrecken ab- und tiefgründig herauszuarbeiten.

