Wie versprochen gibt es nun auch die Rezi zum zweiten Teil der Sherlock Holmes Criminal Bibliothek.
Eine Sammlung von fünf Kurzgeschichten unter dem Titel “Holmes und der Kannibale” setzt “Sherlock Holmes Criminal Bibliothek” nach dem gelungenen Erstling “Der Fluch von Baskerville” fort.
Die namensgebende Geschichte von Gary Lovisi heißt eigentlich “Der Verlust des britischen Schoners Sophy Anderson” und führt zurück in die Familiengeschichte eines alternden Lords. Vorerst ist es aber Lady Susan Copperly, die das Duo Sherlock Holmes und Dr. Watson in der Bakerstreet 221B aufsucht. Erst erhielt sie vier identische, mysteriöse Drohbriefe, dann wurde sie fast von einem Bierwagen überrollt und dann wurde noch auf sie geschossen. Grund genug, für Holmes, die Dame erstmal aus den Verkehr zu ziehen und an einem sicheren Ort zu verstecken. Natürlich will er damit auch ihre Verfolger aus der Reserve locken. Holmes erinnert sich aber auch eines alten Artikels in der Times, indem von einem Schiff berichtet, welches nach einer wochenlangen Irrfahrt vor der Küste Sierra Leone entdeckt wurde mit nur einem Überrlebenden: Sir William Coppely, Susans Vater. Holmes glaubt an eine Verbindung beider Fälle, jedoch klärt sich alles ganz anders auf, als anfangs erwartet…
In “Mycrofts großes Spiel” entwickelt ebenfalls Gary Lovisi eine alternative Geschichte über die Zusammenhänge von Sherlock Holmes, seinem Bruder Mycroft und seinem Widersacher und Erzfeind Professor Moriarty. Aus Sicht von Mycraft berichtet dieser, wie er als Graue Eminenz im Britischen Empire wirkt und sich Professor Moriartys als Werkzeug bedienen will. Natürlich gerät dies selbst ihm außer Kontrolle, was letztlich zu den bekannten Ereignissen am Reichenbach-Fall führte.
Zwar wirken die Zusammenhänge, die aus Doyles Originalgeschichten konstruiert werden, zu überproportioniert, aber Lovisi gelingt es immerhin, eine alternative Deutung bekannter Ereignisse aus Holmes Biografie zu geben, die Holmes-Kennern durchaus Spaß macht.
In “Das Rätsel des Addleton-Fluchs” von Barrie Roberts interessiert sich Sherlock für die Ausgrabungen in Addleton, welche damals mit einigen Todesfällen bezahlt wurden. Holmes Interesse ist geweckt, als er bei der morgentlichen Zeitungslektüre auf die Todesanzeige von Sir Andrew, dem damaligen Ausgrabungsleiter, stößt. Die Geschichte schlägt noch einige Bögen zu anderen geschichtlichen Ereignissen und entwickelt sich zu einem harten Kampf Holmes einen mysteriösen Fluch wissenschaftlich zu erklären.
Martin Baresch geht in “Das späte Geständnis im Mordfall Mary Watson” in Holmes drogenabhängige Zeit zurück. Dem Genuß von Morphium wurde fleißig gefröhnt und die “Grüne Fee” erfreute sich großer Beliebtheit. Auch Holmes als Einzelgänger, der in nahezu jede Verkleidung schlüpfen und jedes soziale Verhalten zu imitieren vermag, war diesen erlegen. So erinnert er sich erst gut 20 Jahre später durch eine zufällige Bemerkung an dieses Unglück, der Ermordung von Dr Watsons erster Frau. Bei Holmes blitzen die Erinnerungen an eine drogenumwitterte Nacht auf, in der er schließlich von Watson mit einer Schaufel an Marys Ehebett niedergeschlagen wurde. Hat er Watson betrogen und hintergangen? Oder hat er gar Mary ermordet? Frage und Schuldgefühle gehen Hand in Hand, während Holmes versucht, den Fall anhand seiner Erinnerung zu knacken.
Sicherlich auch eine interessante Alternativgeschichte zu Doyles Originalwerken, die sich geschickt eingliedert und eine “From hell”-ähnliche Atmosphäre erreicht, was die Drogengeschichte angeht.
Der NASA-Wissenschaftler und SciFi-Autor Geoffrey Landis schlägt schließlich die Bresche von Sherlock Holmes über sein Spezialgebiet zu Jack, the Ripper. Auch wenn Doyle selbst hier nie eine Verbindung schlug, gibt es mit “Sherlock Holmes schwerster Fall” schon eine Film-Interpretation. Landis aber gelingt es, die Geschichte auf ungewöhnliche Pfade zu führen und Dr. Watson Grund genug zu geben, die Geschichte “Das einzigartige Verhaltensmuster der Wespen” noch über den Tod hinaus, unter Verschluß zu halten.
Die Sammlung ist durchaus gelungen, die Geschichten sind stark durchmischt und von stilmäßig unterschiedlichen Autoren geschrieben. Manchmal klassisch aus Dr. Watsons Sicht geschrieben, wie unter Doyle üblich, mal von Holmes selbst auf seinem Altersruhesitz, wie es Doyle in den letzten Sherlock Holmes-Geschichten auch machte, bis hin zu Mycrafts Perspektive, erweisen sich alle Autoren als Sherlock Holmes-Kenner. Mal sachlicher orientiert, mal mehr auf Atmosphäre bedacht, bieten alle fünf Geschichten, die aus drei Ländern kommen (Deutschland, England, USA) und über elf Jahre hinweg geschrieben wurden, viel Kurzweil für Sherlock Holmes-Fans. Zu bekommen ist das Werk übrigens nur exklusiv unter www.blitz-verlag.de, ein Blick dorthin lohnt durchaus.