Warum ich Cthulhu spiele
Dez 31st, 2006 by Tom
Mein Großvater hat vor fünfzig Jahren eine dreihundertachtundneunzig Meter lange Buchsbaumhecke gepflanzt, die den Obst- und Gemüsegarten, die Rosensträucher, den Rasen voller Schlüsselblumen und Birnbäume umschließt, die hinten an der Mauer Spalier stehen.
Ich habe von ihm das Haus, den Garten, die Freude und die Aufgabe der Pflege geerbt. Zwanzig Jahre nach seinem Tod waren die Hecken verwildert. Eines Tages fasste ich den Entschluss, mich darum zu kümmern. Ich habe eine alte Schere gesucht, sie gewetzt und mich an die Arbeit gemacht. Eine Stunde später blickte ich von meiner Arbeit auf. Mein Nachbar schaute über den Zaun. Er schüttelte etwas missbilligend den Kopf.
“Du wirst doch das alles nicht mit der Hand machen?” sagte er zu mir. “Das kostet viel zu viel Zeit. Und außerdem wirst Du deinen Arm dabei kaputt machen.”
Dann verschwand er. Eine Viertelstunde später kam er mit einem breiten Lächeln zurück. Dabei schwang er eine Art Waffe in der Luft.
“Nimm, damit gehts schneller.”
Ich näherte mich ihm, bedankte mich und nahm das Teil an mich. Es war eine elektrische Heckenschere. Ihre Form erinnerte an einen Sägehai, ihre Farbe und Gewicht an eine Maschinenpistole. Sie wäre mir beinahe aus der Hand gefallen. “Du gibst sie mir wieder, sobald Du fertig bist. Du wirst sehen, das ist etwas ganz anderes.”
Drei Verlängerungsschnüre waren nötig. Die Vorbereitung dauerte am längsten. Dann musste ich nur noch auf einen Knopf drücken und die Heckenschere halten. Alles andere erledigte sie alleine. Sie machte so viel Lärm wie ein Zahnarztbohrer.
Sie köpfte die jungen Pflanzen, stutzte wild wachsende Zweige zurecht und machte in drei Sekunden zehn Jahre anstrengender Natur zunichte. Nach zweistündiger Arbeit hatte ich einen roten Kopf, schmerzende Arme und eine fünfzig Meter lange sauber gestutzte Hecke. Ein tolles, spektakuläres und sichtbares Ergebnis.
Am nächsten Tag war es schön und kalt. Mit den ersten Sonnenstrahlen kehrte ich zu meiner Arbeit zurück. Doch in dem gnadenlosen Licht dieser Stunde wirkte die Arbeit nicht mehr so perfekt. Hier stand ein Zweig ab und dort war eine Ecke zu gerade. Ich war zu schnell gewesen, viel zu schnell. Ich habe zu schnell gestutzt, zu gerade. Ohne Nuancen, ohne Eleganz. Ich ließ die Heckenschere und das orangefarbene Verlängerungskabel am Boden liegen und holte die alte Schere meines Großvaters. Dann legte ich meine Hände dorthin, wo seine lagen und wiederholte seine Gesten, langsam und besessen. Ich besserte aus, rundete ab, verschönte. Ich arbeitete lange und still. Ein klappern wie im Friseursalon hatte das schrille Dröhnen vom Vortag ersetzt. Die winzigen Blätter fielen Büschelweise zu Boden. Am Ende des Vormittags war ich zwar immer noch nicht viel weiter, doch war ich mit der Arbeit zufrieden. Ich hatte den Eindruck, vorangekommen zu sein, entsprechend meines Rhythmus. Ich hatte die Arbeit im Griff, die statt Grips Leistung verlangte. Warum sich beeilen? Man fühlte sich in diesem Märzgarten wohl, in dem es noch nach dem Feuer der letzten verbrannten Blätterhaufen roch, in dem mich ein Eichhörnchen streifte, und in dem sich die erste betrunkene Biene auf meiner Faust niederließ.
Jedes Mal wenn ich zu meinem Füller greife, denke ich an die Größe der Buchsbaumhecke, die viel Arbeit, aber auch viel Freude bereitet hatte. Ich denke an sie, wenn in der Klasse, in der ich über Literatur spreche, mich eines der Kinder fragt, ob ich mit dem Computer schreibe oder mit der Hand, und ich ihm nur antworte:
“Das ist, als würde man mich fragen: “Gehen Sie zu Fuß oder mit dem Auto?” Man läuft mit den Füßen und schreibt mit den Händen.” Der Rest, Geschwindigkeit und Leistung erreicht man manchmal auch mit einer Maschine. Doch der Mensch genießt mit der Hand. Es gibt Sätze, die man nur mit der Hand schreibt. Es gibt Orte, wo man nur zu Fuß hinkommt. Es gibt eine Zeit, die nur sinnvoll ist, wenn man das Gefühl hat, sie sei verloren, und die nur dann existiert, wenn man sie begrenzt.
Meine Großväter, die Schriftsteller der Vergangenheit, haben von Jahrzehnten Bilder, Atmosphären und Helden eines “romantischen Frankreichs” geschaffen. Sie liebten den Dschungel und die englischen Gärten, den Frost, die Trockenheit, die Jahreszeiten. Sie suchten, strichen durch und korrigierten. Sie haben die Sprache beeinflusst; sie haben an ihr gearbeitet. Diese Sprache habe ich geerbt, aus dem Füller in meiner Hand fließen jetzt diese Sätze.
Das altmodische, staubige und muffige. Uralte Folianten, das Geklapper der Würfel, die Geborgenheit und Beständigkeit. Das sind die Dinge die ich liebe. Meinen schwarzen Füller, das schwarze Notizbuch in das ich die Ideen schreibe die mir so zufliegen. Den knarzenden Dielenboden in der Bibliothek, die klassische Bankerslamp die meinen Schreibtisch ziert. Darum mag ich Cthulhu.

Dieser Blog beschäftigt sich in erster Linie mit dem Rollenspiel 










Wow!
Die Geschichte hat mich bewegt…echt gut!